Staatstheater Cottbus: Das brennende Aquarium
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Bühne - Staatstheater Cottbus: "Das brennende Aquarium"

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Bisher stand das Staatstheater Cottbus für solides Bühnenhandwerk. Ausgefallene Experimente Inszenierungen waren dort eher nicht zu erwarten. Mit der Verpflichtung des zwischen Tanz, Theater und Musik irrlichternden Jo Fabian als Schauspieldirektor scheint sich das jetzt zu ändern.

Jedenfalls wurden für die Inszenierung von "Das brennende Aquarium" in der Kammerbühne gleich drei Regisseure angeheuert, die sich bisher vor allem in der Berliner Off-Szene einen Namen gemacht haben: Max Schumacher, Matthias Horn und Angelika Zacek haben sich, zusammen mit den Schauspielern Kristin Muthwill und Boris Schwiebert, Texte des 1989 verstorbenen britischen Psychiaters Ronald D. Laing vorgenommen.

Ronald D. Laing

Dabei hat Laing gar keine Stücke geschrieben, sondern vor allem theoretische Texte, in denen er seine radikale Kritik an der herrschenden Psychoanalyse Freuds zum Ausdruck gebracht hat, Texte, in denen er die Unterbringung von vermeintlich Irren und Verrückten in geschlossenen Anstalten und ihre Behandlung mit Psychopharmaka und mit Elektroschocks heftig kritisiert hat, Texte, in denen er die antipsychiatrische mit der antikapitalistischen Kritik der 68er Bewegung miteinander synchronisiert und gesagt hat, dass der Kapitalismus nicht nur Waren-Überschuss, sondern auch Human-Ausschuss produziert, Aussteiger, Hippies, Abweichler aller Art, die sich der Ideologie der totalen Kontrolle entziehen und mit dem System nichts mehr zu tun haben wollen. Ähnlich wie das Psychiater-Ehepaar Basaglia, das in Italien die Anstalten geöffnet und die vermeintlich Verrückten in der Normalität entließ, hat auch Laing in London eine Wohngemeinschaft gegründet, in der Gesunde und Kranke zusammen lebten und die Trennung zwischen "Normal" und "Verrückt" aufgehoben wurde. Laing und seine antipsychiatrischen und antikapitalistischen Theorien und Texte sind heute - leider - ziemlich in Vergessenheit geraten, seine Bücher, die bei Rowohlt, Suhrkamp, Kiepenheuer & Witsch einst in hohen Auflagen erschienen, sind heute nicht mehr im Buchhandel, sondern nur noch antiquarisch erhältlich.

Missglückte Kommunikation und Sprachlosigkeit

Die radikal gesellschaftskritischen Aspekte werden in Cottbus ausblendet, man konzentriert sich auf ein eher nebensächliches Element bei Laing: auf seine Darstellung und Analyse kommunikativer Prozesse. In seinem Buch "Liebst du mich"? hat Laing 1978 in vielen kleinen Dialogen und Szenen, Gedichten und Geschichten aus seiner psychiatrischen Alltags-Praxis beschrieben, wie Kommunikation fast immer schief geht, weil wir uns nicht vergegenwärtigen, dass jede Kommunikation nicht nur einen Inhalt transportiert, sondern auch etwas über unsere Beziehung zueinander aussagt; ständig misstrauen wir dem, was der andere sagt, hinterfragen und bezweifeln alles, können die Sprache des anderen nicht in unsere Sprache übersetzen, glauben, der andere belügt und betrügt uns, und wenn der andere die Frage: "Liebst du mich?" mit "Ja" beantwortet, meinen wir herauszuhören, dass er das nur sagt, um seine Ruhe zu haben oder den anderen so schnell wie möglich ins Bett zu bekommen. In Laings Buch und dem jetzt daraus destillierten Theaterabend geht es also in immer neuen Varianten um ein einziges Thema: missglückte Kommunikation, die in Missverständnissen und Sprachlosigkeit und manchmal auch in Hass und Mord endet.

Staatstheater Cottbus: Das brennende Aquarium
Staatstheater Cottbus: "Das brennende Aquarium" | Bild: Staatstheater Cottbus; © Marlies Kross

Darsteller als wissenschaftliche Wortakrobaten

Wir sehen drei verschiedene theatralische Handschriften und Herangehensweisen an immer dasselbe, nur minimal variierte Textmaterial. Auch die Bühne ist, bis auf kleine Details und Verschiebungen, fast immer gleich: auf einem weißen Podest ein weißes Sofa, ein weißer Couchtisch, ein paar weiße Stühle. Nur die beiden Schauspieler schlüpfen in immer neue Rollen und Kostüme. Im ersten Teil geht es um eine sprachliche Labor-Situation: die beiden Darsteller werden zu wissenschaftlichen Wort-Akrobaten, die auf vielfältige Weise, auf englisch und auf deutsch, demonstrieren, dass wir die Sprache des anderen oft nicht richtig übersetzen und in unser eigenes Sprachsystem integrieren können; sie singen, sie streiten, sie malen mit Nebelschwaden Buchstaben in die Luft, doch sie missverstehen sich permanent und kommen auf keinen gemeinsamen Nenner. Im zweiten Teil verkörpern die beiden ein Ehepaar, das sich so gern lieben würde und sich dann doch - weil sie keine gemeinsame Sprache finden - an die Gurgel geht. Er will fernsehen, sie will reden; er will Sex, sie will kuscheln; er will laute, fiese Punk-Musik hören, sie legt süß-romantische Schlager-Schallplatten auf: zum Schluss werden die Messer gewetzt und die Pistolen geladen. Im dritten Teil wird das Theater selbst zum Thema: die beiden spielen einen einzigen kleinen Dialog des Missverstehens ein Dutzend mal mit verschiedenen Sprechweisen und Kostümen durch: mal sind sie jung, mal alt; mal sind sie aufreizend geil und halbnackt, mal kommen sie als tumber Bär und tänzelnde Ballerina verkleidet auf die Bühne; zum bösen Schluss stilisiert er sich zum eitlen Adonis und stolziert selbstverliebt herum, während sie Adonis-Statuetten auspackt und mit dem Hammer zerschlägt.

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Staatstheater Cottbus: Das brennende Aquarium | Bild: Staatstheater Cottbus, © Marlies Kross

Keine stimmige Inszenierung, jede Menge psychologische Klischees

Die drei Varianten des Immer-Gleichen ergeben leider keine stimmige Inszenierung und keinen anregenden Theaterabend, sondern eine ziemliche Kopfgeburt; man arbeitet sich an Einsichten und Abgründen menschlicher Kommunikation ab, die - als Laing sie beschrieben hat - noch relativ neu waren, heute aber fast schon küchenpsychologische Gemeinplätze sind. Alles, was wir über missglückte Kommunikation, zumal zwischen Ehepaaren, wissen müssen, hat Edgar Albee in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" auf teuflische Weise schon vor über 50 Jahren viel besser auf die Bühne gebracht. Die beiden Darsteller können einem ein bisschen leid tun: sie rackern sich zwei Stunden lang unermüdlich ab, spielen sich um Kopf und Kragen, ziehen alle Schauspiel-Register, und dürfen uns doch fast nur psychologische Klischees und menschliche Karikaturen vorführen, um das Publikum immer mal wieder zum Lachen zu bringen. Der Unterhaltungswert dieses recht banalen Experiments mit den drei Regisseuren ist aber genauso gering wie der Erkenntnisgewinn: irgendwas Neues über Laing oder etwas Wichtiges über kommunikative Katastrophen habe ich jedenfalls nicht erfahren.

Laing hat einmal gesagt, geglückte Kommunikation sei so unwahrscheinlich wie ein brennendes Aquarium. Doch der Satz wird nicht ausgesprochen, er ist nur als vieldeutiges Bühnen-Requisit ständig dabei. Über der Szenerie schwebt den ganzen Abend ein Aquarium unter der Decke, darin: zwei schöne, sich zärtlich umspielende, große Fische, denen das ganze Gerede, Getue und Gezappel der Menschen herzlich schnuppe ist: kann man gut verstehen.

Frank Dietschreit, kulturradio

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