Milan Peschel und Felix Goeser im "Hauptmann von Köpenick" ©dpa-Zentralbild/Claudia Esch-Kenkel
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Deutsches Theater - Der Hauptmann von Köpenick

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Zuckmayers Drama ist an den Ort seiner Uraufführung zurückgekehrt: das Deutsche Theater.

Heinz Rühmann, Rudolf Platte, Harald Juhnke, Otto Sander – für sie alle war der "Hauptmann von Köpenick" eine Paraderolle. In Berlin steht Carl Zuckmayers Drama über den vorbestraften Wilhelm Voigt, der als Hauptmann verkleidet die preußische Obrigkeitshörigkeit entlarvt, seit dem Sommer als Musical auf der Bühne im Admiralspalast. Nun ist das Stück an den Ort zurückgekehrt, an dem es 1931 uraufgeführt worden ist: ans Deutsche Theater. In der Titelrolle: der Berliner Film- und Theaterschauspieler Milan Peschel.

Peschel füllt die Fußstapfen seiner Vorgänger

Die großen Fußstapfen seiner Vorgänger kann Peschel durchaus ausfüllen – wenngleich er die Rolle anders anlegt als seine Vorgänger, also eine eigene Spur legt. Während Heinz Rühmann und Harald Juhnke als eher sanfte Hauptmänner durchgehen können, bei denen auch mal eine Träne im Auge blitzte, kann bei Milan Peschel von Milde und Rührseligkeit keine Rede sein.

Phänotypisch passt er bestens zu Zuckmayers Figurenbeschreibung: ein dünner, blasser, knochiger Typ, von einer Feldwebel-Statur keine Spur. Wie er den Hauptman gibt, treibt Zuckmayers Urberliner Posse allerdings jede Heiterkeit aus: ein wütender, in seiner Verzweiflung aufbrausender Ausgestoßener, ein schnoddriger, später sarkastischer Anarchist, der das Militär von vorneherein lächerlich findet.

Es geht auch um aktuelle Ungerechtigkeiten

Auch der Regisseur Jan Bosse nimmt dem Schwank seine Heiterkeit – nichts Versöhnliches liegt in diesem Abend. Bosse hebt ganz die gesellschaftskritische Seite des Stücks hervor, dafür hat er Interviews eingebaut, die der Autor und Regisseur Armin Petras mit Menschen geführt hat, die sich heutzutage als Ausgestoßene der Gesellschaft empfinden. Auch aktuelle Ungerechtigkeiten bezieht er ein – die Schauspielerin Steffi Kühnert erzählt etwa von ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg, aus der sie jetzt, Stichwort Gentrifizierung, bald ausziehen muss.

Viele Witzfiguren

Das bedeutet jedoch nicht, dass Bosse die Komödie bierernst inszeniert – vielmehr macht er Slapstick daraus. Fast alle Figuren gleichen neben Wilhelm Voigt Witzfiguren: dummdreiste Machtmänner, aalglatte Krawattenträger, beflissene Stiefellecker. Felix Goeser und Katrin Wichmann stecken als reiches Bürgermeister-Ehepaar in monströsen Fatsuits, in denen sie sich kaum bewegen können – den Frauen sind ohnehin riesige Schaumstoff-Brüste und -Hintern verpasst. Die Schauspieler machen das großartig – doch ist es einer dieser Abende, der vieles satirisch brechen will, dabei aber oft ins Blödeln gerät.

Im heutigen Berlin

Petras’ Interviews haben die Aufgabe, das Stück ins heutige Berlin zu holen –  doch dafür sind sie überflüssig, das Stück hat sich ohnehin seine Aktualität bewahrt. Zuckmayer prangert nicht nur den blinden Gehorsam gegenüber Uniformen an, seine essenziellere Gesellschaftskritik gilt der unmenschlichen Bürokratie, die Leben zerstört.

Ohne Aufenthaltserlaubnis kriegt Wilhelm keine Arbeit und ohne Arbeit kriegt er keine Aufenthaltserlaubnis – eine Kaffeemühle, wie er sagt. Diese Papier-Hörigkeit kennt jeder im Kleinen, der schon einmal bei einem Berliner Bürgeramt vorzusprechen hatte. Zwei Jahre her ist auch erst die unmenschliche Situation am LaGeSo, wo die Bürokratie in puncto Flüchtlingen komplett versagt hat. Das Stück hat keinen Schauspieler nötig, der an der Rampe vom echten Leben eines heutigen Pfandflaschensammlers erzählt.

Gigantische Papphäuser auf der Bühne

Zudem nutzt Bosse die Kostüme und die Bühne von Stéphane Laimé, um das Stück in verschiedenen Zeiten zu verorten. Zu Beginn schiebt Peschel gigantische Papphäuser herein: Plattenbauten wie am Alexanderplatz, spiegelverglaste Wolkenkratzer wie am Potsdamer Platz, aber auch das DDR-Staatsratsgebäude. Per Video werden moderne Werbebanner mit lasziven Models auf die Häuser projiziert. Die Spieler tragen einerseits preußische Pickelhauben, andererseits Bundeswehr-Tarnanzüge aus der Gegenwart.  

Peschel ist bewegend

Dieses aus unterschiedlichen Zeiten zusammengepuzzelte Bühnenbild ist durchaus sinnstiftend – weniger einleuchtend wirkt die Art, wie Bosse die Geschichte erzählt. Er lässt Szenen nur postdramatisch anspielen, macht einen fliegenden Wechsel in die nächste Szene, in der die Figuren andere Rollen einnehmen, oft sieht man die Schauspieler nur als Video-Projektion (Castorf lässt grüßen), zwischendurch die neuen Texte von Petras, die eher stören – wer seinen "Hauptmann von Köpenick" nicht aus dem Effeff kennt, kann kaum folgen, geschweige denn mitfühlen oder mitlachen.

Trotzdem: Milan Peschel ist bewegend. Wenn er eingefallen auf seinem Stuhl sitzt und die berühmten Sätze spricht, es könne doch nicht alles gewesen sein kann, im Knast Fußmatten geknüpft zu haben, auf denen jetzt alle herumtrampeln – dann sieht man einen gebrochenen Menschen dort sitzen.

Barbara Behrendt, kulturradio

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