"schlammland gewalt"; © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater/Box - "schlammland gewalt"

Bewertung:

Die einstündige Theater-Versuchsanordnung hat keinerlei Dringlichkeit, keine Widerborstigkeit, keinen bösen Schmerz-, sondern allenfalls einen banalen Scherz-Faktor.

Geboren wurde er 1985 in Graz als Matthias Schweiger. Unter dem Namen Ferdinand Schmalz ist er inzwischen zu einem bekannten Autor avanciert und hat in diesem Jahr mit seinem Text "mein Lieblingstier heißt winter" den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen. In Berlin kennt man ihn vor allem Autor von unkonventionellen Theaterstücken. In der Box, der kleinen Experimentierbühne des Deutschen Theaters, wurden bereits seine Stücke "der herzerlfresser" und "der thermale widerstand" gezeigt. Jetzt hatte sein Stück "schlammland gewalt" in der Box seine Uraufführung. 

Gewalt, die Sprache und Verhalten der Menschen bestimmt, ist ein Grundthema in allen Prosa- und Theater-Texten von Ferdinand Schmalz, aber dieses Derbe und Obszöne, Urgewaltige und Perverse wird immer satirisch überzeichnet und als volkstümliche Posse der bitterbösen Lächerlichkeit preisgegeben. Im Text von "schlammland gewalt" werden wir nun Zeuge, wie sich eine Handvoll bäuerlich-kauziger Dörfler, denen Ferdinand Schmalz mit seiner dialektgefärbten Kunstsprache zu Leibe rückt, im wahrsten Sinn des Wortes zu Tode amüsiert. In der Inszenierung werden wir Zeuge, wie aus einem Blick in der Hölle des normalen Wahnsinns eine rhetorische Farce wird.

Die böse Natur des Menschen

Das Stück, so man den Text überhaupt als Stück bezeichnen kann, ist ist ein knapp 10-seitiger Bühnen-Monolog, eine endlose Suada über ein Dorffest, bei dem sich die böse Natur des Menschen Bahn bricht, bei Blasmusik und Bierseligkeit sich Gewalt und Geilheit paaren und sich die Kreatur Mensch in ihrer ganzen Erbärmlichkeit offenbart. Es regnet in Strömen, die ganze Festwiese in eine einzige Schlammhalde, und während drinnen im Bierzelt die Kapelle aufspielt, das Bier in Strömen fließt und alle fettige Brathendln in sich hineinstopfen, vergnügen sich draußen der Toni und die Sandra und wälzen sich sexuell erregt im Matsch.

Toni ist der missratene Sohn vom alten Zeiringer, der im Dorf das Sagen hat und nach dessen Pfeife alle tanzen, und als sein Knecht und Speichellecker, der Schauersberger, ihm mitteilt, was sich da draußen abspielt, stürzt Zeiringer hinaus, erschlägt seinen Sohn und wird anschließend von Sandra mit einer zerbrochenen Flasche abgemurkst. Die Strafe Gottes folgt auf dem Fuße, und so ergießt sich über das Dorf und die ganze blutige, bierselige, gewalttätige Szenerie eine Schlammlawine und begräbt alles unter sich.

Der Erzähler ist teilnehmender Beobachter

Dass der Erzähler, der alles beobachtet und alles, was er nicht sieht, einfach dazu erfindet, auf kurios-komische Weise aus dem Schlamm- und Blut-Inferno entkommt, gehört zur satirisch-bösen Ironie des Ganzen. Der Mann vom Brathendl-Stand fungiert als Erzähler, er berichtet, was sich im und vorm Festzelt ereignet, das Saufen und Raufen, das gierige Fressen und eklige Kotzen, das Betatschen und Begrapschen, diese ganze hormonell und gewalttätig aufgeladene Atmosphäre eines Heimat-Festes.

Der Erzähler greift nicht ein, er genießt seine Rolle als teilnehmender Beobachter, der irgendwann zum Mit-Akteur wird. Er bandelt mit Doris an, der vernachlässigten Gattin von Zeiringers Knecht Schauersberger, und treibt es mit ihr im Brathendl-Kühlwagen. Als die Rettungsmannschaften nach drei Tagen unter all dem Schlamm den Kühlwagen ausbuddeln, kommen er und seine Doris lebend und quietschfidel wieder ans Tageslicht, und dem Erzähler ist es, "als ob das alles hat passieren müssen, damit wir beide zueinanderfinden können".

"schlammland gewalt"; © Arno Declair
© Arno DeclairBild: Arno Declair

Reduzierung auf's Abstrakt-Theatralische

Bierzelt und Brathendl, Musik und Mord, sintflutartiger Regen und gigantische Schlammlawinen: das passt natürlich nicht auf die kleine Experimentier-Bühne in der DT-Box. Deshalb muss man das alles reduzieren, das Realistisch-Derbe ins Abstrakt-Theatralische und das Spiel in Rhetorik umwandeln.

Drei Schauspieler (Thorsten Hierse, Caner Sunar und Olga Wäscher) sowie ein Live-Musiker (Sebastian Deufel) sind auf der klitzekleinen Bühne, und die ist mit Plastikplanen ausgelegt, die Schauspieler tragen fleischfarbene Ganzkörperhüllen und Metzgerschürzen. Doch es regnet nicht, kein Schlamm wälzt sich über die Bühne, kein Blut fließt in Strömen, nichts Reales geschieht, alles ist pure Sprache, Wortklauberei, rhetorisches Scharmützel.

Die drei Sprecher intonieren den Text mal einstimmig, mal mehrstimmig, gelegentlich deuten sie eine Grimasse, eine Geste, eine stilisierte, artifizielle Bewegung an, aber sie sind und bleiben nur fremdartige, untote, anämische Wort-Maschinen und sondern Text-Fragmente ab. Ein Schlag-Werker und Sound-Jongleur begleitet und kommentiert das Rhetorische Kunstwerke, trommelt mal laut und mal leise oder säuselt sanft in ein Mikrofon und erzeugt endlose Echo-Kammern, deren Töne im Nirgendwo verhallen und dem schauspielerischen einen akustischen Minimalismus beiseite stellen.

Der Minimalismus und die artifizielle Reduktion soll wohl die Gewalt der Dörfler und die Brutalität ihrer Sprache durch Verfremdung zur Kenntlichkeit bringen. Doch das Gegenteil tritt ein: Dem Text wir der politische Giftzahn gezogen, das ganze Gerede wirkt eher albern als bedrohlich, eher bizarr und abseitig als gesellschaftskritisch. Die einstündige Theater-Versuchsanordnung hat keinerlei Dringlichkeit, keine Widerborstigkeit, keinen bösen Schmerz-, sondern allenfalls einen banalen Scherz-Faktor. Die Inszenierung ist nett und neckisch, leidlich komisch und unterhaltsam, wo uns doch eigentlich das nackte Grausen packen und das Lachen im Halse stecken bleiben sollte.

Frank Dietschreit, kulturradio

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