Deutsches Theater: Gertrud
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Deutsches Theater - Gertrud

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Jakob Fedler inszeniert Einar Schleefs Roman in den Kammerspielen

Einar Schleef war ein schwieriger Regisseur und er hat auch schwierige Bücher geschrieben. Sein Roman "Gertrud" ist ein mehr als tausend Seiten langer Bewusstseinsstrom, mit dem Einar Schleef seiner Mutter ein Denkmal gesetzt hat. Das Buch ist schon oft für die Bühne adaptiert worden – nun gibt es in den Kammerspielen des Deutschen Theaters eine neue Version…

Spuk aus der Vergangenheit

1000 Seiten in knapp zwei Theaterstunden – das geht nur, wenn man radikal kürzt. Jakob Fedler beschränkt sich in seiner Inszenierung auf die Kapitel, die von den frühen 1970er Jahren berichten. Da haben die beiden Söhne Gertrud schon verlassen – der eine ist in den Westen gegangen, der andere (also Einar Schleef) arbeitet am Theater in Ostberlin. Die Mutter ärgert sich darüber, dass sich ihre Söhne so wenig um sie kümmern. Der Vater ist längst ein Pflegefall. Sie muss ihn versorgen, bis er schließlich stirbt. Es folgt eine kurze Affäre mit einem Herrn aus der Nachbarschaft, danach ist Gertrud wieder allein in ihrer Wohnung in Sangerhausen und ihre Gedanken rasen. Im Kopf kann sie an mehreren Orten gleichzeitig sein, Vergangenheit und Gegenwart stürzen ineinander.

Es ist nicht leicht so einen Bewusstseinsstrom auf der Bühne einzufangen. Jakob Fedler versucht es mit einem abstrakten Bild. Die Bühne ist leer geräumt bis an die Brandmauer, in der Mitte gibt es als zentrales Zeichen eine große kupferne Grabplatte, die nach hinten angehoben ist. So wird das Geschehen in gewisser Weise zu einem Spuk aus der Vergangenheit, in einer Ästhetik die deutlich an die Inszenierungen Einar Schleefs erinnert.

Noch wichtiger als das Bühnenbild ist jedoch die Entscheidung, wie viele Darsteller auftreten. Armin Petras hatte in seiner Adaption des Romans vor zehn Jahren am Schauspiel Frankfurt  vier Gertruds – eine für jedes Lebensalter. Jakob Fedler selbst hat vor zwei Jahren bei der Ruhrtriennale einen Einar-Schleef-Roman als Monolog herausgebracht – mit dem grandiosen Wolfram Koch als Darsteller.

Uniformität wird beim Spiel zum Problem

Wolfram Koch ist nun wieder dabei, Seite an Seite mit Antonia Bill und Almut Zilcher. Tendenziell spricht Antonia Bill eher die Texte der jungen Gertrud, Almut Zilcher die der älteren. Dabei geht es in der Inszenierung gar nicht um verschiedene Lebensphasen. Jakob Fedler braucht die drei Darsteller, um einen Chor bilden können (noch eine Referenz zu Einar Schleef). Ein Chor kann individuelle Erfahrungen verallgemeinern. Daher werden die Eröffnungssätze der Produktion gemeinsam gesprochen: "Meine Kindheit fiel ins Kaiserreich, der Sportplatz in die Weimaraner, die Ehe auf Hitler unds Alter in die DDR." – Das ist ja auch das berühmteste Zitat aus dem Roman.

Nach dieser starken Setzung am Anfang, machen die Akteure jedoch einzeln weiter. Dass sie zusammen gehören, wird nur durch die Kostüme ausgedrückt. Alle tragen die gleiche braune Uniform – Jacke und Rock mit schwarzem Koppel. Bei Wolfram Koch schauen unten die nackten Beine heraus, was ziemlich ironisch wirkt. Nazisymbole gibt es nicht. Mit der Kleidung ist eher der allgemeine Hang zur Uniformität gemeint – ein Zeichen, das auch Schleef oft verwendet hat, aber in dieser Inszenierung wird es zum Problem, weil sich auch eine Uniformität des Spiels ergibt. Es ist schwer zu erkennen, wer da gerade spricht und warum. Über weite Strecken hatte ich das Gefühl, dass der Text ziemlich beliebig zwischen den Darstellern hin und her springt.

Eine blasse Inszenierung

Dabei stehen erstklassige Schauspieler auf der Bühne. Wolfram Koch spielt immer neue Haltungen der Figur durch und setzt ironische Brüche. Dabei hat er es leicht, weil er als Mann eine Frau spielt. Wenn er ein bisschen mit dem Po wackelt und selbstverliebt sagt, "ich hab mich gut gehalten", dann sind ihm die Lacher sicher - obwohl es im Text an dieser Stelle um eine Beerdigung geht. Auch Almut Zilcher bringt viel trockenen Witz ins Spiel. Das ist wirklich eine Qualität der Inszenierung. Da werden mit Humor Bälle zwischen den Darstellern hin und her geschossen. Doch es bleibt unklar, worum es eigentlich geht.

Warum ist diese Gertrud, die über ihr trostloses Leben erzählt, interessant? Ist sie das archetypische Muttertier, das alle immer nur versorgen will? Ist sie eine Frau, die an der Enge der Verhältnisse leidet? Wo liegt ihr Machtanspruch, ihr Unterdrückungspotential? – Der Roman von Einar Schleef gibt auf diese Fragen viele spannende Antworten. Die Inszenierung von Jakob Fedler wirkt hingegen eher blass – eine Fingerübung für Schauspieler, die amüsant ist, über weite Strecken aber auch langweilig. Bei einem Ausgangstext, in dem so viel steckt, ein enttäuschendes Ergebnis.

Oliver Kranz, kulturradio

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