"Fever Room" von Apichatpong Weerasethakul
Volksbühne Berlin, © Kick the Machine Films
Bild: Volksbühne Berlin, © Kick the Machine Films

Volksbühne Berlin - "Fever Room"

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In der Bildenden Kunst und im Kino gilt er längst als Star, jetzt müssen auch Theatergänger einen neuen Namen lernen: Der Thailänder Apichatpong Weerasethakul ist mit "Fever Room" zum ersten Mal im Theater zu sehen.

Uraufgeführt wurde die Produktion 2016 in Südkorea, gastierte dann bei verschiedenen Festivals und ist nun an der Volksbühne zum ersten Mal in Berlin zu sehen.
2010 wurde Weerasethakul mit der "Goldenen Palme" in Cannes ausgezeichnet, berühmt ist er für seine poetischen Filme, die keiner linearen Handlung folgen.

In "Fever Room" gibt es nun gar keine Handlung mehr, sondern allein Stimmungen, Assoziationen, Traumgebilde. In seinen Filmen verbindet Weerasethakul oft die Erinnerung der Figuren mit der Geschichte Thailands, er mäandert zwischen Realität und Traum, zwischen Diesseits und Jenseits. "Cemetary of Splendour" (2015) handelt von Soldaten der thailändischen Armee, die an einer seltsamen Krankheit leiden, bei der sie tagelang komatös schlafen – womöglich, weil Könige aus früheren Jahrhunderten ihnen die Kraft aussaugen. Auch das eine Anspielung auf die Militärgeschichte Thailands. Jen, eine ältere Frau, kümmert sich darin um den schlafkranken Itt. Jen und Itt treffen sich nun in "Fever Room" wieder: Beide liegen im Krankenhaus und erzählen sich im Schlaf gegenseitig von ihren Träumen.

Meditativer Wolkenrausch mit suggestiven Sog

Die Zuschauer sitzen währenddessen auf dem Bühnenboden, der Eiserne Vorhang ist geschlossen, auf einer Leinwand wird ein Film abgespielt. Nach einer Weile fährt eine zweite Leinwand über der ersten herunter, zwei weitere rechts und links, sodass das Publikum von drei Seiten eingerahmt wird. Die Bilder zeigen manchmal Identisches, manchmal aber auch unterschiedliche Blickwinkel eines Orts, sodass man sich mitten im Geschehen wähnt. Es sind die typischen Weerasethakul-Bilder. Einerseits eher triviale Asien-Aufnahmen: Bananenbäume, Statuen, Berge, ein Aerobic-Platz. Andererseits hoch metaphorische Szenen: ein Mann, der durch dunkle Tropfsteinhöhlen kraxelt, ein Boot auf einem schlammigen See, Meeresrauschen von allen Seiten.

Nach der ersten Film-Stunde ruckelt der Eiserne Vorhang nach oben, Regen und Donner ist zu hören, und man schaut auf eine flackernde Straßenlaterne im Zuschauerraum, die soeben im Film zu sehen war – eine Wirkung, als tauche man direkt in die Leinwand ein. Dann beginnt ein effektgeladenes Licht- und Klangspiel. Der Raum wird eingenebelt und von einem Lichtkegel bestrahlt, als sei man in einem Wolkentunnel und schreite auf das Licht am Ende zu, elektronische Klänge dröhnen. Figuren bewegen sich schemenhaft durch den Nebel und reden, wie Geister im Jenseits – eine Mischung aus Geisterbahn, Drogentrip, Traum und Nahtoderfahrung.

Dieser meditative Wolkenrausch wirkt wie ein Sog, man lässt sich fallen, wird überwältigt. Das ist großes Kino – aber auch sehr suggestiv. Während Weerasethakul seine Bilder sonst unaufdringlich einsetzt, stehen hier der Effekt und die emotionale Überwältigung im Mittelpunkt.

"Fever Room" von Apichatpong Weerasethakul
© Kick the Machine FilmsBild: Volksbühne Berlin; © Kick the Machine Films

Etikettenschwindel

Von den Theaterfähigkeiten des Filmregisseurs kann das zudem nicht überzeugen, denn: "Fever Room" ist schlicht keine Theaterarbeit. Grundlegende Eigenschaften von Theater sind: Theater ist live und Theater arbeitet mit Schauspielern – beides ist hier nicht der Fall. Diese Arbeit braucht den Theaterraum nicht unbedingt. Gezeigt wird ein Film mit Klang- und Licht-Installation, den man auch in einem Ausstellungsraum präsentieren könnte. Die Benennung "Schauspiel" der Volksbühne ist schlichtweg Etikettenschwindel.

Grundsätzlich scheint die neue Volksbühne unter Chris Dercon ein Theater ohne Schauspieler werden zu wollen. In den ersten vier Inszenierungen der Spielzeit war insgesamt nur eine einzige Schauspielerin erkennbar: Anne Tismer im "Beckett"-Abend. Bei "Iphigenie" stehen Laien auf der Bühne, bei "Women in Trouble" stecken die Spieler stumm und unkenntlich gemacht unter Masken (das könnten auch talentierte Statisten besorgen) – und bei Weerasethakul steht überhaupt niemand auf der Bühne. Eine verheerende Entwicklung eines Ensemble-Theaters in eine Mischung aus Museum und Festspielhaus.

Barbara Behrendt, kulturradio

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