Jerome Bel: The show must go on
Volksbühne Berlin; © Musacchio Ianniello
Bild: Volksbühne Berlin; © Musacchio Ianniello

Berliner Volksbühne - Jérôme Bel: The show must go on

Laien tanzen zu berühmten Popsongs der letzten 30, 40 Jahre. Das ist "The Show must go on", das Stück des französischen Choreographen Jérôme Bel.

Im Jahr 2000 uraufgeführt, tourt es seitdem durch die ganze Welt und gilt mittlerweile als eines der wichtigsten Tanz-Stücke des jungen 21. Jahrhunderts. Gestern hatte eine Neufassung Premiere an der Berliner Volksbühne, u.a. mit Mitarbeitern des Theaters auf der Bühne.

Konzeptkunst – keine Unterhaltungsshow

Heftige Zuschauerproteste wie bei den Aufführungen in den Anfangsjahren gab es dabei nicht, dafür sind Jérôme Bel, seine Kunst und dieses Stück mittlerweile zu bekannt. Diejenigen, die es interessiert, wissen, wie es funktioniert und dass Jérôme Bel seinem Konzeptkunst-Ansatz treu geblieben ist, keine Unterhaltungsshow entworfen hat. Zuschauer, die aus dem Saal oder auf die Bühne stürmen, gab es in den ersten Jahren – wobei solche Proteste Jérôme Bel seit Mitte der 90er begleitet haben, als er aufgetaucht ist, als einer der wichtigsten Impulsgeber und Neuerfinder von Tanz und Performance, über den mittlerweile zahllose theater- und tanzwissenschaftliche Texte erschienen sind.
An der Volksbühne ging es nun um die Frage, ob dieses Stück nach so vielen Jahren noch funktioniert und wie sich die Laien-Performer schlagen, die für jede Aufführung in Dutzenden Städten weltweit jeweils neu gecastet werden.

Jerome Bel: The show must go on
Bild: Volksbühne Berlin; © Musacchio Ianniello

Mitarbeiter der Volksbühne und Berliner Profis

In dieser Neufassung sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Volksbühne aus Technik, Maske, Regieassistenz, vom Abenddienst oder von der Kasse zu sehen, dazu Schüler, Abiturienten, Studierende. Jung und alt, dick und dünn und fast alle mit Bühnenerfahrung, wie den Miniporträts im Programmheft zu entnehmen ist. Die Hälfte der 22 Performer sind sogar Profis, darunter recht bekannte Künstlerinnen und Künstler der Berliner Tanz- und Performance-Szene, Anne Tismer z.B., um nur eine zu nennen. Und das hat den Charakter dieser Show, die keine ist, stark verändert.

"Let the sun shine" und "Let’s dance"

Berühmt ist mittlerweile der Beginn des Stückes, wenn zunächst lange Zeit nichts geschieht. Zu Leonard Bernsteins "Tonight" aus der "West Side Story" und zu "Let the sun shine" aus "Hair"  bleibt die Bühne leer – dabei könnten zu diesen bombastischen Musical-Klassikern dramatische Massenszenen spielen. Diese überlässt Jérôme Bel aber der Phantasie und den Erinnerungen der Zuschauer. Erst bei "Come together" von den Beatles kommen alle zusammen und stehen in Alltagskleidung, reglos im Halbkreis, bis "Let’s dance" von David Bowie erklingt und jeder für sich tanzt, so wie man zu Hause tanzt, wenn man sich unbeobachtet fühlt - das aber auch nur, wenn der "Let’s dance"-Refrain zu hören ist, sonst stehen sie still und blicken in die Runde.

The show must go on von Jérôme Bel
The show must go on von Jérôme BelBild: Volksbühne

"I like to move it" und "Ballerina Girl" und "Private Dancer"

Jérôme Bel hat seine Choreographie an den Songtexten ausgerichtet: zum Billig-Pop-Hit "I like to move it" springen alle mit aufgesetztem Strahlelächeln herum, bei "Ballerina Girl" von Lionel Ritchie gehen die Männer ab und die Damen ergeben sich ihren Ballerinen-Kindheitsträumen, wobei eben nur wenige eine Ausbildung im Klassischen Ballett hatten, die anderen versuchen es halt einfach. Und zu Tina Turners "Private Dancer" tanzt der stoische DJ allein im Spotlight, der DJ, der ansonsten in äußerster Langsamkeit und in aller Seelenruhe eine CD nach der anderen in den einzigen CD-Player einlegt.

Nicht-Geschehen, Stille, Leere, Wartezeiten

Das Warten, die Stille, die Leere, das Nicht-Geschehen – alles Konzeptkunst-Ansätze, um die Illusions-Maschine Theater, das Erzeugen und Manipulieren von Gefühlen, um die Scheinwelt der Bühnenkunst bloßzulegen – deswegen auch die Laien-Performer: Technik, Virtuosität, Authentizitäts-Behauptung, all die Konventionen von Theater und Tanz sollen hier nicht gelten. Für Jérôme Bel ist der Körper kulturell beeinflusst und überformt – er will ihn und die Phantasie der Zuschauer wieder freisetzen und so sind die Zuschauer bei ihm immer auch Mit-Autoren eines Performance-Abends.

Die Titanic geht unter und Kuscheln in meinen Armen

Das Besondere an fast allen Stücken von Jérôme Bel ist, dass er seine Theorie verführerisch, phantasievoll, in liebevollen Spiel-Versionen unterbringt. Wenn Céline Dions "Titanic"-Song erklingt und die Performer in Paaren wie Kate Winslet und Leonardo DiCaprio mit ausgebreiteten Armen am Schiffsbug stehen, lacht der Saal - erst recht, wenn die Hebebühne runterfährt und alle buchstäblich untergehen. Ein Spiel mit der Manipulationsmacht von Musik und von ikonographischen Kino-Bildern.
Zum wundervoll melancholischen "Into my arms" von Nick Cave kuscheln die Performer in Zufalls-Paaren und ein Seufzen geht durch den Saal, wie bei "Imagine" von John Lennon, wo viele Zuschauer mitsingen und mitsummen. Ein Gänsehaut-Moment, wie bei "Sounds of Silence" von Simon and Garfunkel, bei dem die Zuschauer einfach weitersingen, wenn der DJ den Ton leise stellt, immerhin soll ja hier Stille zu hören sein.

Es fehlt der Charme des Nicht-Gelingens

Das Überraschende ist, wie gut dieses Stück immer noch funktioniert – es ist klug, respektvoll und liebevoll, öffnet Freiräume und Spielräume.
Da allerdings bei dieser Neu-Fassung kaum wirkliche Laien auf der Bühne stehen, fehlt der Charme des Nicht-Könnens, des Versagens und Dennoch-Versuchens, es fehlen Risiko und Fremdscham – die reinen Laien-Versionen sind deutlich verführerischer.
Immerhin hat die Volksbühne unter Chris Dercon nun die erste Erfolgsproduktion – dass dies erst mit der Wiederaufnahme eines 17 Jahre alten Stückes in Koproduktion mit etlichen anderen europäischen Theaterhäusern gelingt, verringert die Sorgen um die Volksbühne nicht.

Frank Schmid, kulturradio

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