Atze Musiktheater: Hans im Glück © Jörg Metzner
Jörg Metzner
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Atze Musiktheater - "Hans im Glück"

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Wie kann es sein, dass man einen großen Klumpen Gold verliert und trotzdem glücklich ist? Diese Frage beantworten Matthias Schönfeldt und Iljá Pletner mit ihrem Musiktheater.

Glücklich werden nur die Doofen, die sich mit allem zufrieden geben. So könnte man die Moral vom Grimm'schen Märchen "Hans im Glück" zusammenfassen. Hans bekommt für sieben Jahre Arbeit einen Goldklumpen, der ihm aber bald zu schwer wird. Er tauscht ihn gegen ein Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen eine Gans, die Gans gegen einen Stein, der ihm in den Brunnen fällt. Dumm gelaufen?

Oder misst sich Hans' Glück gar nicht am Besitz? Das Musiktheater Atze im Berliner Wedding hat das Märchen jetzt für Kinder ab sechs inszeniert. Ob Hans in dieser Inszenierung der Dumme ist oder der Einzige, der die Sache mit dem Glück verstanden hat – das bleibt auch hier eine Frage des Blickwinkels.

Atze Musiktheater: Hans im Glück © Jörg Metzner
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Lieber jetzt glücklich sein – oder für später vorsorgen?

Der Regisseur Matthias Schönfeldt stellt Hans zwei Freunde zur Seite, man könnte auch sagen: zwei innere Stimmen, die ihn wie Engelchen und Teufelchen bezirzen, in den Tausch einzuwilligen oder davon abzulassen.  Schönfeldt will verdeutlichen, dass wir es bei Hans nicht mit einem tumben Bauern zu tun haben, sondern mit einem jungen Mann, der sich das Hirn und das Herz zermartert, wie man denn nun ein glückliches Leben führt: indem man ehrgeizig ist, sein Geld anlegt, "die Kuh melkt, solange sie noch Milch gibt"?

Oder indem man das Eigentum, das verpflichtet, loswird – und mit ihm alle Sorgen? Es ist ja tatsächlich schwer nachvollziehbar, warum man sich mit einem Goldklumpen im Gepäck den Rücken ruinieren soll, wenn man auf einem Pferd so leicht dahin galoppieren könnte. Lieber jetzt glücklich sein – oder für später vorsorgen?

Atze Musiktheater | Hans im Glück: © Jörg Metzner
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Der Regisseur legt seine Inszenierung also weniger als Märchen an, denn als kapitalismuskritische Sozial-Parabel. Ein kluger, philosophischer Ansatz, bei dem dann auch wenig "Märchenhaftes" auf der Bühne zu sehen ist. Schönfeldt hat eher spröde inszeniert, mit wenigen Hilfsmitteln – diese aber überlegt eingesetzt.

Große Metapher ist ein Rhönrad, auf das sich Hans immer wieder schnallt und damit kopfüber über die Bühne rollt. Das kann man als "Glücksrad" interpretieren, wie es der Programmzettel vorschlägt, aber auch als Hamsterrad, dem Hans zu entkommen versucht, oder als den Lauf der Welt. Im hinteren Bühnenbereich steht ein zweites Rad. Darin ist ein Tuch eingespannt, auf dem Scherenschnitte von Pferd, Kuh, Schwein und Gans projiziert werden. Immer, wenn Hans einen Tausch eingeht, löst er einen Metallring, der in diesem Rad befestigt ist. Diese Ringe werden mit jedem Tausch kleiner – eine zwar ziemlich abstrakte, gleichzeitig aber klare, einfache Lösung, um den ungleichen Tausch zu verdeutlichen.

Die drei Schauspieler haben einiges zu tun, um aus den eisernen Hula-Hoop-Reifen galoppierende Pferde, austretende Kühe und schnatternde Gänse werden zu lassen – aber mit ein bisschen Artistik gelingt es ihnen. Das Theaterwunder: Man sieht die Kuh mit einem Muh sofort vor sich, dabei blickt man nur auf einen Metallring.

Der Begriff  "musikalischer Bühnen-Roadmovie", mit dem die Inszenierung angekündigt worden war, ist etwas irreführend: Hier wird (zum Glück!) einmal kein einziges bewegtes Bild integriert. "Stationendrama" träfe es besser.

Musikalisch hätte man am "Musiktheater" mehr erwarten können – schließlich gibt hier ein Opern-Regisseur sein Atze-Debüt. Der Hauptdarsteller Iljá Pletner hat eigens Lieder für die Produktion komponiert: hübsche, kleine, Songs, die A-Cappella am schönsten klingen, manchmal werden sie von den Darstellern auch mit Gitarre, Percussion und Akkordeon begleitet. Von der fetzigen Rocknummer, die angekündigt war, oder dem Brecht-Weillschen Ensemblesatz ist allerdings kaum etwas zu hören. Kein Beinbruch – allerdings könnte "Hans im Glück" auf diese Weise genauso gut am Grips-Theater laufen.

Atze Musiktheater: Hans im Glück © Jörg Metzner
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Mitfiebernde Konzentration

Bei allem philosophischen Gedankenexperiment ist die Inszenierung verspielt und lebendig genug, um die Sechsjährigen im Publikum gefangen zu nehmen.  Weniger Ausgelassenheit ist bei den Kindern zu spüren als mitfiebernde Konzentration. Mit den Fragen "Spaß oder Leistung?" und "Was macht einen glücklich?" können sie durchaus mitgehen. Dass Schönfeldt seinem Hans alle Entscheidungsgewalt gibt, ihn zu einem Jungen macht, der ernst genommen wird, und der letztlich selbst mit seiner Wahl leben muss – das macht "Hans im Glück" zu einem Stück, das die ganze Familie nachdenken lässt.

Barbara Behrendt, kulturradio

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