RIAS Kammerchor; Foto: © Matthias Heyde
Matthias Heyde
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Philharmonie Berlin - RIAS Kammerchor und Freiburger Barockorchester

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Es hat Tradition, dass der RIAS Kammerchor am Neujahrsabend in Berlin mit einem großen Oratorium das Neue Jahr begrüßt. Diesmal Haydns "Schöpfung" mit dem Freiburger Barockorchester unter René Jacobs. Die erste Sternstunde 2018.

Joseph Haydns Oratorium "Die Schöpfung" funktioniert immer – vorausgesetzt, es wird so professionell dargeboten wie in dieser Besetzung. Nun war das schon die zweite Aufführung – das gab es bereits zu Silvester in Freiburg. Aber offensichtlich sind alle gut und ohne Silvesterkater nach Berlin gekommen.

René Jacobs hat eine jahrzehntelange Musiktheatererfahrung, und natürlich weiß er, wie man ein solches Werk unterhaltsam über die Rampe bekommt. Da darf gleich zu Beginn die Pauke kräftig dröhnen, und auch später weiß er durch Details Vergnügen zu bereiten – ein brummendes Kontrafagott ist immer für ein Schmunzeln im Publikum gut.

Er weiß aber auch, dass man gerade dieses Werk mit seiner teilweise sehr naiv dargestellten Schöpfungsgeschichte nicht überziehen darf. Das ist komisch genug mit dem zarten Taubenpaar oder dem wollenreichen Schaf. Da tut es der Musik gut, dass René Jacobs mit zügigen Tempi für einen wohltuend lakonischen Eindruck sorgt. Vergnüglich ja – albern nein. Das ist eine Leistung.

Frohlocken auf höchstem Niveau

Die "Schöpfung" ist eines der beliebtesten Werke bei Chören – zu recht, denn Haydn hat dafür einige seiner prägnantesten Chöre erfunden. Und trotzdem ist das alles andere als einfach, denn es handelt sich fast ausschließlich um Jubelchöre. Der Chor hat nur die Aufgabe, das Wunderwerk zu preisen, zu frohlocken, ein Lied der Freude anzustimmen etc.

Das kann schnell eindimensional wirken – aber nicht beim RIAS Kammerchor. Das Ensemble in der Einstudierung von Frank Markowitsch singt das alles in tausenden Facetten. Man hat verstanden, dass man sich bei all der guten Laune auch mal zurücknehmen muss. Der Chor füllt die Große Philharmonie problemlos, bleibt durch die recht kleine Besetzung aber immer klanglich transparent.

Und besonders bei den abgedimmten Momenten hält man im Publikum den Atem an. Singen können das viele Chöre, aber ein Weltklassechor wie der RIAS Kammerchor tut dies in einer eigenen Liga.

Klavier als Harfe

Wenn das Freiburger Barockorchester bei einem solchen Werk mit im Boot ist, kann man nicht mehr von "Begleitung" sprechen. Das Ensemble ist immer gleichberechtiger Partner, greift die Stimmung auf, kommentiert mit. Klar macht das Freude mit der ganzen Lautmalerei vom plätschernden Bach bis zum kriechenden Gewürm, aber das alles wird nie plakativ in den Vordergrund gestellt.

Grandios ist dabei Sebastian Wienand am Hammerflügel. Er schafft Überleitungen, leitet Rezitative mit kleinen Improvisationen ein, die wahre Kunstwerke an Fantasie und Einfühlungsvermögen sind, und schafft Kommentare ganz eigener Natur, wenn bei den Harfen der Engel das Klavier tatsächlich nach Harfe klingt.

Die Erzengel

Das Solistentrio in den Rollen der Erzengel Gabriel, Uriel und Raphael hätte nicht besser besetzt sein können. Alle drei haben verstanden, dass sie ihre Partien durchaus pointiert, aber nicht opernhaft gestalten dürfen. Die Sopranistin Robin Johannsen ist zuletzt in der Alten Musik zu Hause, gestaltet mit heller Stimme, die kleinste Note ausgeleuchet und vor allem mit einem Dauerlächeln in Mundwinkeln und Stimme.

Der Tenor Sebastian Kohlhepp ist die ideale Oratorienstimme: klar, strahlend, farbenreich. Und der Bassist Michael Nagy spielt mit den Registern seiner Stimme, setzt ganz auf Emotion und schafft augenzwinkernde Akzente – in der Tiefe beim "Gewürm" und mit einem leichten Blöken in Sachen Schaf.

Adam und Eva

Problematisch ist aus heutiger Sicht der dritte Teil des Oratoriums. Da wird es phasenweise extrem naiv. Und wenn Eva zu Adam sagen muss: "Dir gehorchen bringt mir Freude, Glück und Ruhm", zeugt dies von einem Geschlechterbild, das heute so dann doch nicht mehr vermittelbar ist und eher lächerlich wirkt.

Wie damit umgehen? Robin Johannsen und Michael Nagy lösen das mit köstlicher Ironie. Sie singt das eine ganze Spur zu schön, als dass man ihr das ernsthaft abnehmen könnte, und er kommentiert das lediglich durch einen sehr jovialen Blick. Da geht ein verstehendes Lachen durch das Publikum – auch diese Klippe ist gut gemeistert – wie überhaupt dieser Abend gleich die erste musikalische Sternstunde 2018 ist.

Andreas Göbel, kulturradio

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