Mariss Jansons; Foto © Marco Borggreve
Download (mp3, 4 MB)

Philharmonie Berlin - Berliner Philharmoniker mit Mariss Jansons und Daniil Trifonov

Ein genialer Pianist auf der Suche nach Schumann – und ein Dirigent, der gerade Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker geworden ist und in Sachen Bruckner Maßstäbe setzt.

Daniil Trifonov ist eine der größten Pianistenbegabungen der Gegenwart. In Sachen Liszt macht ihm so schnell niemand etwas vor. Er hat unbegrenzte Möglichkeiten durch seinen Anschlag, kann mühelos in kürzester Zeit wechseln zwischen filigranem Spiel, berührendem Ausdruck und Tigertatzen-Gedonner.

Wo andere Pianisten eine Figur, die viermal hintereinander kommt, diese viermal gleich spielen, ist bei Daniil Trifonov jede Variante grundverschieden, er will in die Extreme gehen. Man merkt das auch äußerlich: Er wirkt sehr nervös am Flügel, steht unter Spannung, durchlebt jeden Moment mit dem ganzen Körper – was dazu führt, dass er sich ständig die Strähnen aus der Stirn schütteln muss.

Auf der Suche nach Schumann

In Robert Schumanns Klavierkonzert gelingen Daniil Trifonov traumhafte Momente, besonders wenn er das Tempo rausnimmt und die melodische Linien mit Ruhe und einer ergreifenden Intensität spielt. Da scheint jemand nicht Klavier zu spielen, sondern zu singen.

Diese hohe Musikalität reißt ihn offensichtlich aber auch mit. Mal rast er davon, dann gibt es wieder ein willkürliches Innehalten. Es fehlt die Dramaturgie, er spielt, wie es gerade kommt. Das Ergebnis ist ein planloses Durcheinander. Im Finale, das ihm mit virtuoserem Anspruch liegen müsste, wirkt es undeutlich und verhuscht. Zweifellos zeigt Trifonov geniale Anlagen, aber in diesem Konzert ist er noch komplett auf der Suche.

Begabt, exzentrisch – und überfordert?

Ein bisschen exzentrisch ist das alles schon. Auch bei der Zugabe. Da spielt Daniil Trifonov den langsamen Satz aus der Sonate für Violoncello und Klavier von Frédéric Chopin – ganz alleine ohne Cello. Das kann man machen, das ist auch intensiv interpretiert voller Wärme und Dichte – nur warum das alles? Wenn man einen langsamen Chopin spielen will, hat man genug Auswahl aus Originalstücken – warum nicht eine Nocturne? Ist Trifonov mit seinem kometenhaften Aufstieg und seinem Ruhm überfordert. Er braucht Zeit, sich zu entwickeln. Er ist schließlich erst 26.

Da haben auch die Berliner Philharmoniker keine Chance, so etwas sinnvoll zu begleiten. Das Orchester kommt kaum hinterher, teilweise ist man einen halben Takt auseinander. Hat die Probenzeit nicht ausgereicht – oder macht Trifonov jedesmal etwas anderes? Zusammenspiel kann man das jedenfalls nicht nennen.

Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker

Während der Proben zu diesem Konzert wurde Mariss Janson zum Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker ernannt. Das überrascht nicht, denn damit ehrt man nicht nur einen der weltbesten Dirigenten überhaupt, sondern unterstreicht eine langjährige befruchtende Zusammenarbeit.

Das Orchester spielt gerne unter Mariss Jansons. Viel muss er nicht tun, um die Musikerinnen und Musiker zu motivieren. In der sechsten Sinfonie von Anton Bruckner muss Jansons mitunter nur einfach die Arme ausbreiten, und schon bekommt er ein Klangvolumen, das die ganze Philharmonie füllt.

Maßstäbe in Sachen Bruckner

Anton Bruckners Sinfonien sind heikel. Da stehen große Teile mitunter komplett unverbunden nebeneinander. Bei mittelmäßigen Dirigenten klingt das auch so, eins folgt auf das andere, und das wirkt dann langatmig und unzusammenhängend. Da zeigt sich die Stärke von Mariss Jansons: Alles hängt zusammen, jeder Teil leitet zum nächsten über, scheint sich organisch zu etwickeln. Mitunter kann man es vor Spannung kaum aushalten. Jansons ist ein Klangästhet: Die Melodien berühren, und besonders gelingen die statischen Momente, die nur um sich selbst kreisen. Das hat etwas von einer Klanginstallation, von der man sich wünscht, dass sie nie aufhören möge.

Mariss Jansons galt nie als Bruckner-Spezialist, aber mit dieser Aufführung hat er sich spätestens an die Spitze der Bruckner-Dirigenten katapultiert. Und das verwundert nicht, schließlich ist Jansons ein Meister der musikalischen Architektur. Jede Instrumentengruppe ist so abgestuft, dass man alles hört und alles wie ein Gebäude formvollendet und sicher steht. Das setzt Maßstäbe, und jeder Dirigent, der das Werk jetzt aufführt, muss sich daran messen lassen.

Andreas Göbel, kulturradio

Weitere Rezensionen