Die Sopranistin Véronique Gens
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Philharmonie Berlin - Véronique Gens singt, die Berliner Philharmoniker begleiten

Bewertung:

Véronique Gens beglückt mit französischen Liedern, während am Pult der Berliner Philharmoniker Antonio Pappano steht, der mit sinfonischem Repertoire – wieder einmal – glücklos bleibt, aber die Philharmoniker machen trotzdem etwas draus.

Wenn es einen Grund gab, das aktuelle Konzert der Berliner Philharmoniker zu besuchen, dann war es die Solistin Véronique Gens. Das muss man sich erst einmal trauen – Lieder des kaum noch bekannten französischen Komponisten Henri Duparc auf das Programm zu setzen.

Duparc ist eine kuriose Persönlichkeit gewesen. Mit Mitte 30 musste er krankheitsbedingt aufhören zu komponieren – obwohl er 85 geworden ist. Es gibt kaum etwas von ihm. Und dennoch hat er das französische Lied revolutioniert. Das sind kleine Szenen von tiefer Innerlichkeit, sehr intensiv – und auch ein bisschen an Wagner geschult. Hin und wieder blickt "Tristan" durch.

Tief berührt in die Pause

Véronique Gens vergisst nie dass es Lieder sind, die sie singt und dass es dabei um eine hohe Intimität geht, um das Innenleben der Person, die da gerade singt, die innere Stimme, die wir nach außen gekehrt hören. Und das in der Großen Philharmonie mit über 2000 Plätzen. Da geht die Sängerin gern einmal das Risiko ein, vom Orchester übertönt zu werden. Wenn sie nicht lauter singen will, tut sie das eben nicht – und mit Erfolg.

Die Sopranistin erzählt kleine Geschichten, etwa von einer Frau, die auf ihren Geliebten wartet, der in den Krieg ziehen musste, von ihrer Sehnsucht nach einem Phantasieland, vielleicht Venedig, von einer besseren Vergangenheit, ohne dass über die Gegenwart auch nur ein Wort verloren wird. Wie Véronique Gens ganz sparsam Emotionen erweckt, wie sich eine tiefe Melancholie über alles legt, eine geheimnisvolle Distanz, eher ein Ahnen als ein Wissen, die Kunst der Andeutung. Das macht ihr kaum jemand nach. Da ist man tief berührt in die Pause gegangen.

Orchestertapete, mal passend, mal enttäuschend

Antonio Pappano ist nach zwölf Jahren Abstinenz ans Pult der Berliner Philharmoniker zurückgekehrt. Er hat einige Verdienste als Operndirigent – sinfonisch gab es einiges, das eher weniger begeistert hat. Die Lieder von Henri Duparc begleitet er geschickt. Da benötigt man eine Hintergrundfläche, eine Art akustische Tapete, die nicht auffällt, die man aber doch braucht, damit die Wand nicht weiß bleibt.

Weniger glücklich gelangen die beiden von Maurice Ravel selbst instrumentierten Stücke aus seinem Klavierzyklus "Miroirs". Eigentlich hat Ravel so raffiniert instrumentiert, dass es von selbst laufen müsste, aber auch hier zeigte sich eine einheitliche Fläche, bisweilen etwas plakativ, aber die Kunst Ravels, das Spiel mit Atmosphäre, Eleganz, Witz und Künstlichkeit hat nicht stattgefunden. Es war ganz nett, aber reichlich konturenarm und nur heiße Luft.

Höllenspaß

Für viele sicherlich eine Überraschung war die Originalfassung der "Johannesnacht auf dem kahlen Berge" von Modest Mussorgskij. Was macht meistens davon zu hören bekommt – die Bearbeitung von Nikolaj Rimskij-Korsakow – hat mit dem Original nicht mehr viel zu tun. Dieses ist ein ganz anderes Stück: hart, scharf, fast brutal.

Erstaunlich daran: Was damals die Komponistenkollegen daran abgestoßen hat, wirkt heute erstaunlich gegenwärtig. Das klingt fast wie die Musik zu einem Katastrophenfilm und wirkt einigermaßen vergnüglich. Nun spielen die Berliner Philharmoniker das auch mit einer herrlichen Brillanz: leuchtende Fanfaren, etwas schief, Gedonner und Gemurmel. Das Stück hat hier endgültig seinen Schrecken verloren. Was von Mussorgskij als dämonischer Hexenritt gedacht war, ist hier eher ein Höllenspaß. Klar geht das an der Intention des Komponisten vorbei, aber ein Vergnügen war es allemal.

Mittelmäßiger Dirigent, aber Spitzenorchester

Warum dann aber zum Schluss "Le poème de l’extase" von Alexander Skrjabin? Vor allem wenn der Hang des Dirigenten zum Plakativen dem Stück seine Raffinesse raubt. Die Klangflächen, die sich aneinander reiben, wirken hier ziemlich verkantet. Das ganze schwüle Gewaber kann, nein, muss man sehr viel raffinierter spielen. Auch kam Antonio Pappano zu schnell zum Höhepunkt, von dem aus kaum noch eine Steigerung möglich war.

Gestalterisch war das enttäuschend, aber die Berliner Philharmoniker haben trotzdem etwas daraus gemacht. Das ist ein Orchester, das als Ganzes funktioniert und gleichzeitig hervorragende Solisten in seinen Reihen hat – allen voran die Trompeten mit einer grandiosen Leistung. Die Philharmoniker klingen eben auch dann, wenn ein – und das muss man für das sinfonische Repertoire leider sagen – mittelmäßiger Dirigent am Pult steht.

Andreas Göbel, kulturradio

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