Deutsche Oper: "Carmen"
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Deutsche Oper Berlin - "Carmen"

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George Bizets Carmen gehört zu den beliebtesten und meistaufgeführten Opern überhaupt – am Samstag hatte eine Neuinszenierung des Werks an der Deutschen Oper Berlin Premiere.

Regisseur Ole Anders Tandberg ist eine Menge zur "Carmen" eingefallen. Vielleicht zu viel. Er hat das Stück in diesem Fall so stark mit Ideen überfrachtet, dass das Ganze zu einer symbolistischen Revue wurde, die fragile Opéra comique absolut überinterpretiert – das Stück ist aber nicht von Sartre, sondern von zwei der besten Operettenautoren der Ära. Typisch Regietheater in Berlin – Leichtes wird so lange mit Gewichten behangen, bis es schwer genug wirkt, um es guten Gewissens kaputt zu analysieren.

Carmen als Gleichnis auf die moderne Welt des Verbrechens: Die Schmuggler sind zu illegalen Organhändlern geworden. Und so versinkt das Werk zuweilen im hausbackenen B-Movie-Splatter.  Die Zigeuner lesen ihr Schicksal nicht mehr in den Karten, sondern in herausgetrennten Nieren. Stierkämpfer Escamillo überreicht Carmen die überdimensionalen Hoden seines geschlachteten Stiers als Liebesbeweis. Und Don José reißt am Schluss das Herz der Organschmugglerin Carmen heraus.

Deutsche Oper: "Carmen""Carmen"; © Marcus Lieberenz/bildbuehne.de

Schlechte Idee – guter Handwerker

Eine Idee, die wie so oft auf dem Papier im ersten Entwurf funktioniert, im Detail dann aber doch  stark mit der musikalischen Seite kollidiert. Bizets Musik steuert, wie Solti mal sehr klug beobachtet hat, im Crescendo von einer geschwätzigen Operette auf ein düsteres Drama zu. Am Ende erst verdüstert sich die Szene. Wer schon vor dem 4. Akt Blut und viele Tote inszeniert, hat vielleicht das Libretto gelesen. Aber er hat Bizet einfach nicht zugehört.

Man muss Tandbergs Interpretation nicht lieben (und ich persönlich verabscheue sie herzlich), und kann doch erkennen, dass wir es hier mit einem Profi zu tun haben, dass sie alles andere als oberflächlich ist. Man merkt: Das ist ein ganz großer Handwerker. Jedes Symbol ist wohlüberlegt, viele Einzelheiten sind ebenso sinnvoll wie originell, etwa die Kinder von Anfang an als Geister und Todesboten auftreten zu lassen. Carmen im blutroten Kleid zu inszenieren, das der roten Blume, die sie José schenkt, so wunderbar ähnlich ist und gut mit der Horror-Seite des Stückes korrespondiert.

Überhaupt: Die Kostüme von Maria Geber waren eine Pracht und zum Teil herrlich operettenhaft, das Hybride des Werkes betonend, das sich – schon aus Gattungsgründen – immer wieder auch dem Grotesken zuneigt.

Musikalisch herausragend

Musikalisch war der Abend ein akustischer Traum, der sich fast schon wieder apart gegen den optischen Albtraum absetzte. Bis in die kleinsten Nebenrollen wurde befriedigend bis brillant besetzt. Nicht nur der Stierkämpfer Escamillo konnte sich hören lassen, der hier prominent durch Markus Brück vertreten war,  sondern auch Tobias Kehrer als Zuniga oder Nicole Haslett als Frasquita. Wirklich mal eine "Carmen", deren Ensemble-Qualität weit über die Hauptfiguren hinausreicht.

Und die glamourösen Hauptfiguren, das waren am Samstag die Französin Clementine Margaine, eine stimmlich voluminöse, sinnliche Carmen mit wunderbar souveränen Fortissimi, auch schauspielerisch beeindruckend und natürlich mit angenehmem Heimvorteil, weil perfekter französischer Aussprache.

Charles Castronovo als Don José – der Amerikaner war sicher nicht ebenbürtig in der Diktion, aber man spürte dennoch, dass das eine der Leib- und Magenpartien dieses Tenors ist. Hier fühlt er sich zu Hause. Ich habe ihn selten so locker, elegant und süffisant gehört wie hier. Vielleicht hatte er ein bisschen zu viel Italianitá in der Stimme, manchmal klingt‘s dann doch stilistisch mehr nach Puccini als nach Bizet. Aber was Feuer und Sentiment angeht, war das ein fulminanter José, und zu Recht hat er den meisten Applaus des Abends abgeräumt.

Deutsche Oper: "Carmen"
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Stilistisch perfekt dirigiert

Doch der kroatische Dirigent Ivan Repušić war für mich dann am Ende der eigentliche Held des Abends. Er hat das Orchester der Deutschen Oper in einen verblüffend  temperamentvollen Klangkörper verwandelt (ach, hätte doch der "Prophete" an der Deutschen Oper auch diesen Schmiss gehabt!). Das waren zuweilen erfreulich fesche, fast Offenbach‘sche Tempi.

In den lyrischen Momenten erahnte man schon die seidige, impressionistische Welt eines Massenet. Die dramatischen Höhepunkte waren wuchtig, ohne in verismohaften Pomp zu kippen. Insgesamt zeichnete sich hier wieder das klassische Opern-Dilemma Berlins ab – tiefe Empathie für die musikalische Seite trifft auf ein genreblindes Regietheater, das dem Werk brutal die Probleme des 21. Jahrhunderts aufdrückt, egal ob sie passen oder nicht. Das Ergebnis ist in diesem Fall eine Geschmacklosigkeit auf hohem Niveau.

Matthias Käther, kulturradio

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