DT/Box: "Tigermilch" mit Philipp Djokic, Anik Todtenhaupt, Antonie Lawrenz, Rio Reisener, Emil von Schönfels, Prince Mohammad Arsalan Chughtai, Laura Roberta Kuhr und Saron Degineh; © Arno Declair
Arno Declair
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Deutsches Theater | Box - "Tigermilch"

Bewertung:

"Junges DT" nennt sich die Nachwuchstruppe des arrivierten Deutschen Theaters. Deren neuestes Projekt trägt den Titel "Tigermilch" und ist die Bühnenfassung des gleichnamigen Erfolgsromans der in Berlin lebenden Autorin Stefanie de Velasco.

"Tigermilch" ist ein spezielles Gesöff, das sich zwei vierzehnjährige Berliner Mädchen gern mischen, wenn sie ihren Alltagsfrust vergessen und mal gut drauf sein wollen. Sie kaufen oder klauen (je nachdem, ob sie gerade ein bisschen Geld haben) ein paar Zutaten – Milch, Maracujasaft und Mariacron – und mixen sie zu einer ziemlich gruseligen Droge zusammen.

In die Wahl der Zutaten kann man natürlich so einiges hinein interpretieren: "Milch" könnte dann für die Kindheit stehen, aus der die beiden Mädchen gerade herauswachsen, "Maracujasaft" für die unbändige Vitalität und den noch ziellosen Aufbruch der Teenager. Und "Mariacron", dieser – wie ich finde – ziemlich eklige Weinbrand, für den Versuch, sich schon möglichst erwachsen zu geben und sich mit Alkohol die Sorgen der tristen Realität schön zu saufen.

Schnelle Abwechslung, grenzenloser Rausch

Die beiden unzertrennlichen Berliner Freundinnen: das sind die deutsche Nini und die aus dem Irak stammende Jameelah, die mit ihrer Mutter aus dem Irak nach Deutschland geflohen ist. Ihr Vater und ihr Bruder wurden dort ermordet. Beide Mädchen kommen aus prekären Verhältnissen, wohnen in einer dieser Siedlungen und Betonburgen, die einen fürs zukünftige Leben als Außenseiter und Verlierer stigmatisieren. Beide werden von den Familien vernachlässigt, haben aber keine Lust auf die Schule, sondern stromern lieber durch Berlin und suchen den großen Kick, die schnelle Abwechslung, den grenzenlosen Rausch.

Ihr wichtigster Wunsch ist derzeit, endlich – von wem auch immer – möglichst schmerzfrei und lustvoll entjungfert zu werden. Die beiden sind ständig unterwegs, von einer Einkaufsmeile zur nächsten, von einer Party zur anderen. Sie treffen ständig neue Typen, die, genau wie sie, ziel- und haltlos durch Berlin flattern. Manche sind kriminell, andere leben ständig in der Angst, den Flüchtlingsstatus zu verlieren und abgeschoben und ausgewiesen zu werden.

Die Alltagswelt von Nini und Jameelah ist politisch und sozial mit reichlich Sprengstoff aufgeladen, doch wie die Mädchen sich durch diese Welt aus Drogendeals, Trash-TV und Kultur-Kampf bewegen, zeugt von großer emotionaler Stärke und hinterhältigem Humor.

Gemeinsam durch den Großstadt-Dschungel

Regisseur Wojtek Klemm dampft den 280-seitigen Roman auf knappe 50 Seiten Theatertext ein. Er streicht alle Erwachsenen-Rollen sowie einige Nebenfiguren und Nebenhandlungen, verändert auch die Erzählweise und -perspektive: im Roman sind Nini und Jameelah die klaren Hauptfiguren und Nini führt als Erzählerin durchs Geschehen. Jetzt, auf der Bühne, sind es acht Jugendliche, die – mehr oder weniger – in der Erzählweise, Handlungshierarchie und Bühnenpräsenz auf (fast) einer Stufe stehen und die sich gemeinsam durch den Großstadt-Dschungel bewegen, im kruden Alltagsjargon und mit musikalischen und tänzerischen Mitteln nach dem Sinn ihres von Liebeskrisen und Pubertätskrämpfen geschüttelten Lebens suchen.

Klemm überblendet und collagiert manche Handlungsfäden und wechselt in Windeseile von einem – nur skizzenhaft angedeuteten – Handlungsort zum nächsten. Auf der (fast) leeren Bühne ist nur ein Automat, der allerlei Getränke, Chips und Bühnen-Requisiten ausspuckt. Ein Holz-Achteck, das mal als Sandkiste, mal als Versteck dient, eine Neonröhren-Leuchtschrift: "SAD", "traurig", oder auch: der Anfang von "Sadist".

Die acht Jugendlichen sind permanent präsent, flennen, rennen, schreien, singen, tanzen, sprechen mal allein, mal im Chor von ihren Träumen und Albträumen, sind mal voll mittenmang, mal treten sie neben sich und berichten distanziert, was sie gerade erleben und fragen sich – und uns – wie sie nur mit all dem klarkommen sollen: mit erstem Sex und ungewollter Schwangerschaft, Ehrenmord und Ausweisung. Starker Sozial-Tobak, kruder Jargon, herbe Umgangsformen, aber immer mit einem ironischen Augenzwinkern vorgeführt und sarkastisch kommentiert.

Plausibel, überzeugend und berührend

Gerade, indem die Inszenierung platten Realismus verweigert und tanzend und singend eine jugendliche Kunstwelt erschafft, wirkt das Ganze besonders plausibel, überzeugend und berührend. Es wird ständig über Sex geredet und Gewalt heraufbeschworen. Aber Sex und Gewalt werden nicht realistisch vorgeführt, sondern stilisiert, verfremdet, herbei fantasiert. Ein paar Badehandtücher, und wir sind im Schwimmbad. Wenn jemand sich zum Sex auszieht, macht er oder sie es nicht wirklich, sondern stülpt sich eine Plastikfolie über und bemalt die Folie mit den Genitalien. Und wenn jemand vor hoffnungsloser Liebe vergeht, singen alle schön schräg mit Lana Del Rey: "Summertime Sadness".

Eigentlich entzieht sich das Schauspiel von Jugendlichen jeder Theaterkritik, aber zwei kleine Ausnahmen möchte ich doch machen: Was der entrückte Philipp Djokic in der Rolle des romantisch leidenden und liebenden Lukas und was vor allem die wunderbare Antonie Lawrenz in der Rolle der frech-sensiblen Nini ganz nebenbei und als wäre es das Leichteste der Welt auf die Bühne zaubern, ist wirklich waghalsig und hinreißend. Da kann man zwei ganz großen Theater-Talenten dabei zusehen, wie sie ihr eigenes künstlerisches Können staunend entdecken und lässig herauskitzeln: das macht richtig Spaß!

Frank Dietschreit, kulturradio

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