Kaminski, Ziolek & Szymanówka: "So Emotional"
Sophiensaele; © Katarzyna Szugajew
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Sophiensaele - Eröffnung: Tanztage Berlin 2018

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Die Tanztage Berlin, die 27. Ausgabe des Festivals für junge Choreographinnen und Choreographen, haben gestern Abend begonnen. Eröffnet wurde mit ungewöhnlichen Arbeiten. Denn bei zumindest einer Choreographie hat alles in völliger Dunkelheit stattgefunden.

Zwoisy Mears-Clarke & tanzfähig: "Subjects of position"
Bild: Sophiensaele; © Gerhard Ludwig

Zwoisy Mears-Clarke & tanzfähig: "Subjects of position"

Im stockfinsteren kleinen Hochzeitssaal der Sophiensaele sind die Performer nicht zu sehen, sondern nur zu erspüren, wenn sie die Zuschauer sanft durch den Raum führen, jeder und jede an ihre Körper geklammert. Man tastet sich mit den Füßen voran, drückt sich an Leibern vorbei, hofft, niemanden anzurempeln und v.a. den Kontakt zum Arm der Performerin nicht zu verlieren, in dem Gewusel und Gedrängel und in der völligen Orientierungslosigkeit.
Es ist eine Begegnung mit der eigenen Hilflosigkeit und Verletzlichkeit, wenn man nur auf Hautkontakt, Geräusche und die Bewegungsimpulse eines Unterarms achten kann, wenn man sich voller Vertrauen hingeben und die Scham überwinden muss, von anderen berührt und geführt zu werden, wenn man die Abhängigkeit akzeptieren muss, in der man sich befindet.

Grenzbereiche der Intimität, Schamgrenzen, Berührungsängste

Dabei sind letztlich nur kleine Übungen zu absolvieren. Nach dem Herumtapsen gilt es, den unbekannten Körper vor einem an den Ellbogen zu berühren und dessen erspürte und erahnte Bewegungen nachzuahmen – offensichtlich stehen dabei alle Zuschauer in einer langen Reihe im Kreis. Es sind einfache Vor-Zurück-Zur-Seite-Bewegungen oder Rücken-Massagebewegungen und doch stößt man in Grenzbereiche der Intimität vor. Das Ertasten, Erspüren und Erfühlen fremder Körper ist in Zeiten von "Metoo", in Zeiten der Aufdeckung sexueller Übergriffe und Gewalttaten, besonders problembelastet. Ein Umstand, der vielen durch den Kopf gegangen sein dürfte - bestimmte Berührungen wurden sicherlich vermieden oder vielleicht als grenzwertig empfunden worden sein.
Zwoisy Mears-Clarke, vor zwei Jahren schon zu den Tanztagen eingeladen, gelingt es jedoch, eine Atmosphäre zu erzeugen, bei der sich alle am Ende, wenn das Licht langsam angeht, erschöpft, verschwitzt, aufgelöst, verlegen und reichlich glücklich anlächeln – wie erleichternd es doch sein kann, Schamgrenzen und Berührungsängste loszulassen.

Joy Alpuerto Ritter: "Alter Egos", Solo zu Identitäten

Ein guter Auftakt für diesen Tanztage-Eröffnungsabend, der dann mit zwei Choreographien fortgesetzt wurde, einem Solo und einem Duo, in denen Identitäten und Emotionen und Masken verhandelt wurden.
Joy Alpuerto Ritter, eine faszinierende Tänzerin, in Klassischem Ballett, Zeitgenössischem Tanz, Hip Hop, Breakdance, Vogueing, philippinischem Volkstanz ausgebildet, als Tänzerin mit einem Weltstar wie Akram Khan auf Tournee, sie hat in "Alter Egos" Identitätsvarianten ausprobiert, als würde sie immer neue Masken aufsetzen. Sie gibt sich cool und lässig, schüchtern und verlegen, ist Laufstegmodel und Gorillamännchen, ist Verführerin und breitbeiniger Macho-Trampel. Es ist, als würde sie durch viele Möglichkeitsräume eines Lebens wandeln und die verschiedenen Verhaltensmuster und Körpersprachen anprobieren. Einige Längen, dramaturgische Schwächen und szenisches Einerlei verhindern, dass dies ein großartiges Stück ist.

Kaminski, Ziolek & Szymanówka: "So Emotional"
Bild: Sophiensaele; © Katarzyna Szugajew

Przemek Kaminski & Marta Ziolek & Mateusz Szymanówka: "So Emotional"

Przemek Kaminski und Marta Ziolek tanzen dann in "So emotional" tatsächlich mit Masken vor ihren Gesichtern, Masken, um ihre Identität zu verschleiern, um andere Persönlichkeiten darstellen zu können. In ihrem Stück geht es um das Erzeugen und Manipulieren von Emotionen - beide spielen in Sportdress, schwarze kurze Hose, weißes Kapuzenshirt, weiße Socken und Turnschuhe und mit weißen Masken ein Repertoire emotionaler Gestik durch – mit den Masken wird die Aufmerksamkeit auf ihre Bewegungen gelenkt.
Trauer und Tragik, Entsetzen und Erschrecken, Unschuld, Lust, Sehnsucht, Beschwörung und Erotik, Aggression und Kampf – sie führen die jeweilige Körpersprache und Gestik vor, zerlegt in ruckelnde, präzise bis ins kleinste Detail analysierte Bewegungen. Ob Popstar-Gehabe oder die aufgesetzte Dramatik eines populistischen Redners, sie entblößen Gestik und Körpersprache als Mittel der Manipulation, der Kontrolle, der Steuerung und das mit ausdrücklich politischer Stoßrichtung. Als Kommentar zur Frage, wie man heute Aufmerksamkeit gewinnt, wie man Menschen an sich binden, sie verführen kann.
Eine kluge Arbeit, sehr genau beobachtet und umgesetzt und ein weiterer Nachweis, das mit dem noch sehr jungen Przemek Kaminski ein ausgezeichneter neuer junger Tänzer in der Stadt ist. Er hat vor kurzem das Studium am HZT abgeschlossen und ist in einem sehr guten Stück von Isabelle Schad aufgefallen.
Alles in allem also ein gelungener Eröffnungsabend der Tanztage und das ist wahrlich keine Selbstverständlichkeit.

Bild:

Frank Schmid, kulturradio

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