Unterleuten
Hans Otto Theater; © HL BOEHME
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Hans Otto Theater - "Unterleuten"

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Für ihren Roman "Unterleuten" hat Juli Zeh ein Dorf in der Prignitz erfunden – so lebensecht, dass man meinen könnte, es gäbe den Ort wirklich. Als dort ein Windpark errichtet werden soll, brechen jede Menge Konflikte auf – zwischen Naturschützern und Investoren, Alteingesessenen und Zugezogenen.

Am Potsdamer Hans Otto Theater ist nun eine Bühnenversion des Romans zu besichtigen. Der scheidende Intendant Tobias Wellemeyer, der das Stück selbst inszeniert hat, schenkt sich in seiner letzten Spielzeit einen großen Brandenburg-Stoff. Juli Zeh hat in ihrem 600-Seiten-Roman ein Gesellschaftsporträt geliefert, das wichtige Fragen stellt: Woran glauben wir? Kann es in einer Zeit, in der jeder nur an den eigenen Vorteil denkt, echten Gemeinschaftssinn geben? Wo liegt, wenn jeder einen anderen Blick auf die Wirklichkeit hat, die Wahrheit?

Im Roman werden oft die Perspektiven gewechselt. Diese Zeit nimmt sich das Theater nicht. Ute Scharfenberg, die Chefdramaturgin des Hans Otto Theaters, hat eine Textfassung geschrieben, die sich bemüht, die Handlung vollständig zu erzählen. Das gelingt auch: In der knapp dreistündigen Inszenierung wird der Kern des Romans gekonnt herausgeschält. Doch die Texte wirken oft  hölzern. Sie quellen über vor Information. Andauernd müssen die Figuren Dinge sagen, die sie normalerweise in der jeweiligen Situation nicht sagen würden, nur damit der Zuschauer sie erfährt. Es wird geredet, geredet und geredet, aber wenig gespielt.

Unterleuten
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Tobias Wellemeyer drückt aufs Tempo, um die Textmassen überhaupt bewältigen zu können. Dadurch gehen Nuancen verloren, aber es entsteht auch ein gewisser Sog. Immer neue Konflikte tauchen auf. Im Kampf um die Windräder haben mal die einen, mal die anderen die Oberhand, bis es am Ende zu einem überraschenden Ergebnis kommt.

Das eigentliche Dorf ist auf der Bühne nicht zu sehen. Tobias Wellemeyer hat sich von seinem Bühnenbildner Alexander Wolf ein paar kahle Baumstämme auf die Bühne stellen lassen, zwischen denen symbolträchtig Nebel wabert – man ahnt gleich, dass das Dorf ein dunkles Geheimnis hat. Rechts gibt es eine Backsteinfassade, auf der verblichen das Wort Konsum zu lesen ist. Die DDR ist also präsent, die Vergangenheit mit ihren unbewältigten Konflikten strahlt hinüber in die Gegenwart.

Ein Konflikt von vielen

Die wichtigste Auseinandersetzung ist die zwischen Gombrowski und Kron. Ersterer ist ein ehemaliger Gutsbesitzer, der in der DDR enteignet wurde, dann aber in der LPG den Vorsitz übernahm. Nach der Wende hat er es geschafft, die LPG zu privatisieren, wodurch er im Jahr 2010, in dem das Stück spielt, der größte Arbeitgeber im Dorf ist.

Kron hingegen ist ein ehemaliger Landarbeiter und gehörte zu den Aktivisten, die dabei waren, als 1960 das Gut enteignet wurde. Nach der Wende versuchte er, zu verhindern, dass Gombrowski die LPG privatisiert und jetzt, wo in Unterleuten der Windpark errichtet werden soll, möchte er nicht, dass die Windräder auf Gombrowskis Land stehen. Er organisiert einen Streik, streut jede Menge Gerüchte und wird bei verschiedenen Gelegenheiten handgreiflich.

Und das ist nur ein Konflikt von vielen, die im Stück erzählt werden. Es gibt auch den zugezogenen Berliner, der sich für den Naturschutz engagiert, eine junge Oldenburgerin, die in Unterleuten ein Gestüt aufbauen will, und einen westdeutschen Spekulanten, der erreichen möchte, dass der Windpark auf seinem Land gebaut wird. Allerdings muss er dafür noch ein paar Hektar dazu kaufen, weil sein Grundstück nicht die vorgeschriebene Größe hat.

Unterleuten
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Mehr Tiefe wäre gut gewesen

Die Handlung ist komplex, die Dialogtexte wirken überfrachtet, das vom Regisseur geforderte Spieltempo ist hoch. Mit diesen Herausforderungen geht Jon-Kaare Koppe am besten um. Er spielt den ehemaligen LPG-Vorsitzenden Gombrowski  mit der Ruhe eines einsamen Westernhelden. Den Hass, der ihm im Dorf entgegenschlägt, lässt er einfach an sich abperlen. Sein Kontrahent Kron hingegen ist ein dauererregter Choleriker.

Christoph Hohmann spielt ihn mit so viel Druck, dass die Figur fast zur Karikatur wird. Und das trifft auch auf andere Darsteller zu: Man sieht, dass der Regisseur sie dazu angehalten hat, ihr Spiel zuzuspitzen. Mehr Tiefe wäre gut gewesen.

Aber durch ihr Tempo und die vielen unerwarteten Wendungen reißt die Inszenierung trotzdem mit. Sie ist spannend wie ein Krimi und zugleich ein pessimistisches Gesellschaftsporträt. Das Theaterstück macht, genau wie der Roman von Juli Zeh, eines ganz klar: Dramen wie in Unterleuten gibt es auch anderswo.

Oliver Kranz, kulturradio

Im Programm

Hans Otto Theater: Unterleuten, Vorab-Pressefoto; © HL Böhme
HL Böhme

"Unterleuten"

Danuta Görnandt ist im Gespräch u.a. mit Tobias Wellemeyer, Intendant und Regisseur und Ute Scharfenberg, Chefdramaturgin und Bearbeiterin der Fassung, die seit dem 19. Januar im Hans Otto Theater in Potsdam aufgeführt wird.

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