The Artist
Berliner Sinfonieorchester Berlin, © La Petite Reine
Bild: Berliner Sinfonieorchester Berlin, © La Petite Reine

Konzerthaus Berlin - Filmlivekonzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

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Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin spielt nicht zum ersten Mal unter Frank Strobel ein Filmlivekonzert. Mit "The Artist" steht allerdings kein historischer Stummfilm auf dem Programm, sondern eher Hommage an das Genre von 2011.

Der Filmmusikspezialist Frank Strobel ist dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin eng verbunden, wenn es um spektakuläre Filmlivekonzerte geht. Unvergessen ist die Aufführung des monumentalen mehrstündigen Films "Iwan der Schreckliche" von Sergej Eisenstein mit der Musik von Sergej Prokofjew.

Im Konzerthaus Berlin funktioniert das sehr gut. Über dem Orchester ist die Leinwand angebracht, und alles ist so abgedimmt, dass es auch auf der Bühne relativ dunkel wird – das Orchester spielt mit Pultleuchten. Das hat schon Kinoatmosphäre, nur noch ein Stück größer.

Geniale Stummfilmparodie mit Terrier

Der Regisseur Michel Hazanavicius hat etwa zu 95 Prozent einen Stummfilm gedreht, der den Originalen alle Ehre macht: schwarz-weiß, fast ohne Ton und mit kurzer Schrifteinblendung. Es ist die Geschichte von der Stummfilm-Ära zum Tonfilm, und genau so geht es auch aus: Die letzten Minuten sind dann doch mit Ton. Das ist eine liebevoll gemachte Parodie auf diese Zeit von 1927 bis 1932. Die fünf Oscars dafür gab es absolut zu Recht.

Der Film dreht sich selbst um das Genre: Ein gefeierter Stummfilmschauspieler verpasst die Zeichen der Zeit, ein weiterer Film mit ihm floppt, und er stürzt ab. Gleichzeitig steigt eine Schauspielerin von einer Komparsin zur Tonfilmstar auf. Beide kommen dann doch noch zusammen, und zwar als tanzendes und steppendes Traumpaar. Eine gewissermaßen dritte Hauptrolle spielt ein dressierter Terrier, zunächst als Running Gag, dann aber spielentscheidend, wenn er den Hauptdarsteller vor dem sicheren Tod in den Flammen rettet.

Raffiniert gemachte Musik

Ludovic Bource hat sich dazu in die Musik der damaligen Zeit eingearbeitet. Das klingt teilweise nach Swing der 20er-Jahre, wenngleich sinfonisch aufgemotzt Richtung Gershwin, mitunter auch als Parodie auf historische Hollywood-Filmmusik, und in manchen Szenen gelingen atmosphärische Klangflächen.

Hier versteht jemand sein Handwerk. Ludovic Bource weiß um die Stärke der filmischen Bilder, und er versucht gar nicht erst, etwas zu doppeln oder dagegen anzugehen. Und so plätschert es phasenweise auch einfach nur so dahin, aber das stört nicht, weil man sich dann ganz auf die Filmhandlung konzentrieren kann. Bource kennt die wichtigste Regel eines Filmmusikkomponisten: sich im richtigen Augenblick zurückzunehmen.

Filmmusik gegen Musik im Film

Allerdings gibt es die Musik eben nicht aus der Konserve, sondern live gespielt, und das ist zunächst einmal nicht leicht. Denn der Film ist so dominant und erzählt die Geschichte so klar in intensiven Szenen, dass die Musik tatsächlich über weite Strecken kaum mehr als Untermalung ist.

Hinzu kommt, dass immer auch für kurze Momente originale Musik der damaligen Zeit eingespielt wird, und das wirkt natürlich viel authentischer als die Kopie des Komponisten, die dagegen sogar leicht überinstrumentiert anmutet.

Das RSB als Filmorchester

Dennoch horcht man auf, und das weil das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin das alles spielt, als hätte es nie etwas anderes gemacht. Das hat eine Süffigkeit, eine Weichheit, Brillanz und auch den leisen, augenzwinkernden Hang zum Kitsch, den das braucht. Alles auf höchstem Niveau. Das Orchester stimmt in sich, dazu kommt eine beeindruckende Präzision. Pointen kommen auf Punkt.

Man spürt, dass das RSB nicht zum ersten Mal Filmmusik spielt und auch nicht zum ersten Mal unter Frank Strobel. Das ist eine Demonstration der Vielseitigkeit dieses Orchesters, das sich auch nicht zu schade für diese Musik ist. Am Ende dann zeigten die Musikerinnen und Musiker mit einer herrlichen Swing-Nummer, dass sie auch als Big Band funktionieren. Ein voller Erfolg.

Andreas Göbel, kulturradio

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