Schaubühne Berlin: fontane.200 © Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Schaubühne Berlin - "fontane.200"

Bewertung:

Die Vorbereitungen für das große Fontane-Jubiläum im kommenden Jahr sind längst am Laufen. Der Liedermacher und Regisseur Rainald Grebe nimmt das zum Anlass für ein leider ziemlich ungeordnetes Brainstorming zum Autor, das über Ansätze nicht hinauskommt.

Gerade für das Land Brandenburg ist der 200. Geburtstag von Theodor Fontane im kommenden Jahr ein wichtiges Jubiläum. Und natürlich sind die Vorbereitungen dazu längst im Gange. Einiges davon ist an diesem Abend zu erfahren: die neue Oper "Effi Briest" von Siegfried Matthus etwa für das Staatstheater Cottbus, Jugendprojekte wie "Fontane auf digitaler Ebene", eine Fontane-Kreuzfahrt oder eine Ausstellung, in der man mit Virtual Reality-Brille einen "Effi Briest"-Stummfilm sehen kann. Man merkt: Keine Idee ist zu gewöhnlich oder zu absurd, je nachdem, dass man sie nicht dafür nutzen könnte.

Rainald Grebe erzählt selbst, dass er alles von Fontane gelesen habe und überall in Brandenburg gewesen sei, wo Fontane auch war. So setzt er einige Schlaglichter: Wir erfahren aus Fontanes Briefwechsel mit seiner Frau über deren Not, Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen. Die Romane sind immer wieder Thema, aber auch Brandenburg – lange Minuten fährt man im Video über einsame Landstraßen.

Enrico grüßt Kathleen

Rainald Grebe lässt ein riesiges Brainstorming mit Ideen, Bezügen und Formen auffahren. Mal wird aus Briefen und Romanen gelesen, dann gibt es die Romane als Puppenspiel mit lebenden Figuren als Kurzfassungen in Serienfortsetzungen, auch mal ganz putzig als Marionettentheater.

Fontanes Schilderung des deutsch-dänischen Krieges wird an einem Tisch mit Modellfiguren und Geräuschmachern nachgestellt. Ein überdrehter Radiomoderator spielt "die schönste Musik für Brandenburg", liest Verkehrsmeldungen, veranstaltet dämliche Gewinnspiele oder verliest Grüße, so von Enrico aus Staaken an Kathleen in Forst. Wenn der Abend überhaupt eine Form hat, dann die einer leicht dadaistischen Collage nach dem Motto: Was ist uns alles zu Fontane und Brandenburg eingefallen.

Schaubühne Berlin: fontane.200 © Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Die Brandenburger "Dorfis"

Selbst bringt sich Rainald Grebe eher zurückhaltend auf der Bühne ein. Meist erzählt und schildert er nur, so dass er seit fünf Jahren in der Uckermark wohne, in einem Dorf mit vierzig Einwohnern und einem Glyphosatfeld.

Die alteingesessenen Einwohner nennt er "Dorfis", und er berichtet von Legenden und Aberglauben, auch vom Stechlin-See, der als Kühlung für die Brennstäbe des 1988 stillgelegten Kernkraftwerks in Rheinsberg dienen musste. Das ist alles sehr privat und persönlich. Den Liedermacher Grebe sucht man an diesem Abend übrigens vergebens, auch die "Brandenburg"-Hymne gibt es nicht (außer in zwei kurzen Zitaten daraus).

Fontanes Frauen(bild)

Wenn der Abend eine Haltung hat, dann ist es die der Ratlosigkeit. Vor allem warum Fontane heute noch so populär und vielgelesen ist. Kritisch setzt sich Rainald Grebe mit dem Frauenbild in Fontanes Romanen auseinander. Den "Bechdel-Test", der dokumentieren soll, ob Frauenfiguren in fiktiven Formaten  eher stereotyp gezeichnet sind, würde Fontane nicht bestehen, denn bei ihm unterhalten sich Frauen immer nur über Männer.

Auch stellt Grebe die Frage, warum immer noch über "Effi Briest" Abiturklausuren geschrieben werden – über einen Roman, in dem die Hauptfigur stirbt, weil sie eine Affäre hatte – und das im 21. Jahrhundert! Auch eine Briefstelle, in der sich Fontane klar gegen das Frauenwahlrecht ausspricht, ist immerhin ein kritischer Ansatz.

Schaubühne Berlin: fontane.200 © Thomas Aurin
Bild: Thomas Aurin

Dramaturgisch unfertiges Durcheinander

Das immerhin wäre ein Ansatz gewesen, aber aus dem vielen Material, das Rainald Grebe zusammengetragen hat, einen Abend mit erkennbarem Roten Faden zu stricken, ist ihm komplett misslungen. Dieser Aneinanderreihung von kurzen Szenen und Ideen fehlt jede Geschlossenheit, jede Dramaturgie.

Am stärksten ist es dort, wo es satirisch-kritisch wird. Neben Fontanes Frauenbild gilt dies auch für die Sinnhaftigkeit – oder eben Sinnlosigkeit – solcher Jubiläenfeierlichkeiten. Letztes Jahr Luther, 2020 kommt dann Beethoven… Grebe nennt als Kriterien für die Auswahl von Persönlichkeiten für solche großen Feierlichkeiten: "weiß, männlich und lange tot". Hätte Grebe solche bissigen, bösen, satirischen Ansätze konsequent weiterverfolgt, hätte das eine gute Aufführung werden können. So ist es ein putziges Durcheinander, hilflos und unfertig, handwerklich und schauspielerisch teilweise erschreckend dilettantisch. Und leider ein Beleg dafür, dass der Regisseur Grebe mit dem genialen Liedermacher Grebe nicht mithalten kann.

Andreas Göbel, kulturradio

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