"Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui", Szenenbild (Quelle: Staatstheater Cottbus/Marlies Kross)
Staatstheater Cottbus/Marlies Kross
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Staatstheater Cottbus - "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui"

Bewertung:

Den hochaktuellen Brecht-Klassiker bringt Regisseur Malte Kreutzfeldt in Cottbus auf die Bühne und inszeniert das Theaterstück als atmosphärischen Thriller im Gewand eines Gangsterfilms der 30er Jahre.

In grotesker Form, als Gangsterballade, spiegelt Bertolt Brecht in 17 Szenen den Weg Adolf Hitlers zum Diktator, zeigt dabei auch deutlich, mit welchen Mitteln Populisten auf Menschenfang gehen – womit der Gegenwartsbezug offensichtlich ist.

Geschrieben hat Brecht "Arturto Ui" 1941, uraufgeführt wurde die Parabel erst 1958 in Stuttgart. Unmittelbar nach der Uraufführung tat der "Spiegel" das Stück damals als etwas zu schlicht und plakativ und grobschlächtig ab. 60 Jahre später, in einer Zeit zunehmenden Populismus', wirkt das Stück in Cottbus frisch, heutig, ohne sich anzubiedern, spannend.

DER AUFHALTSAME AUFSTIEG DES ARTURO UI (Quelle: Staatstheater Cottbus/Marlies Kross)
Bild: Staatstheater Cottbus/Marlies Kross

Intelligente Inszenierungsarbeit

Regisseur und Bühnenbildner Malte Kreutzfeldt hat sich gehörig was einfallen lassen. Er hat, gemeinsam mit der Dramaturgin Bettina Jantzen, klug gerafft – und er hat einen filmisch anmutenden Inszenierungsstil entwickelt. Das sorgt dafür, dass die Emotionen nicht zu kurz kommen, dass Lehrstückhafte zugunsten praller Alltagsspiegelung etwas zurücktritt, ohne denunziert zu werden.

Wie der Text von Bertolt Brecht ja auf starke Schwarz-Weiß-Kontraste setzt, so baut die Inszenierung optisch auf Schwarz-Weiß-Effekte. Das gibt den Figuren schon äußerlich starke Kontur, unterstützt das kräftige Tempo durch Akzentuierung. Zunächst sieht das nach einem Film noir aus, also wie ein Gangsterfilm aus dem Hollywood der 30er, 40er Jahre, dann, zum Finale hin, erinnert es eher an surrealistische Dramen eines Luis Buñuel.

Es wird mit vielen Assoziationen gearbeitet, auch in der Musik. Beispielsweise kommt der Cavatine der Norma aus dem 1. Akt der Oper "Norma", "Casta Diva", eine Schlüsselrolle zu – ein Flehen um Frieden.

Kurz: die Inszenierung bietet viele Assoziationen – so dass wir als Zuschauer viele Ansätze zum Mitdenken bekommen – zum Nachdenken über unser Hier und Heute. Das ist sehr schlüssig, ungemein sinnlich und packend. Da muss dann auch nicht vordergründig die heute in Cottbus lodernde Gewalt gezeigt werden – die spürt jeder im Saal. Hier passiert etwas, was sehr selten ist: Die Inszenierung ist klüger als das Stück selbst.

Staatstheater Cottbus: Der aufhaltsame Aufsteig des Arturo Ui mit Sigrun Fischer (Arturo Ui); © Marlies Kross
"Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui"; © Marlies KrossBild: Marlies Kross

Grandiose Hauptdarstellerin

In der Hauptrolle des Gangsters Arturo Ui, der mit Lügen, Verrat und Gewalt die Macht an sich reißt, agiert eine Frau – Sigrun Fischer. Diese Schauspielerin, die seit vielen Jahren immer wieder Großes leistet in Cottbus, unvergessen etwa ihre Maria Stuart. Nun also Arturo Ui.

Das ergibt Sinn, weil es weg führt vom Blick aufs Historische, auf Hitler, hin zum Allgemeinen, zum Verallgemeinerbaren. Arturo Ui, letztlich geschlechtslos, steht für die Populisten, die Volksverhetzer, an sich.

Und Sigrun Fischer spielt schlichtweg grandios. Sie zeigt Ui als wahnsinnigen Egomanen, dem es nur um sich und die eigene Bereicherung geht – der dazu sogar den eigenen Wahn instrumentalisiert und kalkuliert und damit spekuliert. Man bekommt eine Gänsehaut und denkt sofort an Figuren der deutschen und der internationalen Politik.

Wichtig: Sigrun Fischer spielt mit durchweg guten Partnerinnen und Partnern. In Cottbus ist wirklich exzellentes Ensembletheater zu erleben.
 

Der Abend gehört eingeladen zum Berliner Theatertreffen

Brechts "Arturo Ui" endet mit dem Sieg des Guten über das Böse – jedoch auch mit einem warnenden Epilog. Darin fällt der berühmte, zum geflügelten Wort gewordene Satz "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."

In Cottbus kommt der Epilog nicht, der Satz fällt nicht. Das unterstreicht noch einmal, wie ernst Regisseur und Bühnenbildner Malte Kreutzfeldt das Publikum nimmt. Er vertraut uns. Großartig! Und er hat ja auch so inszeniert, dass der ganze Abend eine einzige Warnung ist – vor dem Sich-weg-Drehen, dem Nicht-Nachdenken, dem Nachplappern.

Dieser "Ui" ist, weit über die Region hinaus, einer der stärksten Theaterabende seit langer Zeit. Es ist zu hoffen, die Jury des Berliner Theatertreffens schaut in Cottbus vorbei!

Peter Claus, kulturradio

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