Tanztage 2018: Mey Seifan/Tanween Company
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Tanztage Berlin 2018 / Sophiensaele - Emmilou Rössling und Mey Seifan

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Ungewöhnliche Ideen, experimentelle Inszenierungs-Ansätze, schwankendes Niveau. Das sind die Tanztage Berlin, das Tanzfestival für die jungen Choreographinnen und Choreographen, traditionell das erste Tanzfestival des Jahres. Die 27. Ausgabe des Festivals läuft derzeit in den Berliner Sophiensaelen.

Emmilou Rössling: "Cascade" – ein Fellknäuel in Verwandlung

Sehr ungewöhnlich war die Ausgangsidee für die neue Choreographie der Berlinerin Emmilou Rössling: "Cascade", angekündigt als ein "Versteck auf der Bühne". Emmilou Rössling, Mitte 20, hat eine Herausforderung für Hören und Sehen choreographiert: zumeist nur schummriges Licht, auf der Bühne ein riesiges, undefinierbares Fellbündel, dazu meist völlige Stille oder ein Knirschen und Knarzen, ein Klang- und Tongewirr, das so sehr geloopt ist, dass die Ursprungsgeräusche nicht erkennbar sind.
In dem großen Fellknäuel steckt Rössling, ihre Körperkonturen sind jedoch nicht erkennbar, das Ding wälzt sich, schiebt sich, kriecht in extremer Langsamkeit über die Bühne und wandelt seine Gestalt. Es sieht aus wie eine aufragende Fels-Formation oder ein dicker Braunbär in seiner Winterhöhle, wie Moos und Flechten, die auf einem toten Baumstamm liegen oder wie eine pelzige Raupe, ist Heuhaufen und mythisches Fabelwesen und Science-Fiction-Figur, wenn aus dem Pelzberg zu Schnauf- und Schmatzgeräuschen eine blau glitzernde Masse hervorfließt wie ein langsamer Lavastrom und dabei leuchtet wie ein Nachthimmel voller Sterne - gut gesetzte Effekte in einer sehr minimalistischen Performance.

Camouflage-Techniken, um Neues und Anderes zu ermöglichen

Emmilou Rössling geht es um ein Misstrauen gegenüber der herkömmlichen Wahrnehmung, hier durch Einschränkungen des Sehens und Hörens für die Zuschauer und ein Misstrauen gegenüber der üblichen Präsenz eines Performers, einer Performerin auf der Bühne, hier ist weder sie selbst noch ihr Körper erkennbar. Zudem beschäftigt sie sich schon seit ihrem Studium in Gießen und jetzt in ihren ersten Berliner Arbeiten mit Camouflage-Techniken, mit Verbergen, Verhüllen und Unkenntlichmachen, um Neues und Anderes zu ermöglichen. Der Körper ist Objekt für Experimente, nicht eindeutig definierbare Dinge verschwimmen in sich stetig verändernden Räumen.

Das ist in dieser "Cascade"- Choreographie phasenweise faszinierend. Die sich stetig verwandelnde Fell- und Pelzmasse zeigt sich in immer neuen Formen, Licht und Geräusche sind verwirrend, da sie selten zum Bühnengeschehen passen – eine Performance als Gegenmodell zur gängigen Reizüberflutung, was allerdings auch bedeutet, dass sie nicht über die ganzen 90 Minuten Dauer die Aufmerksamkeit fesseln kann.

Mey Seifan / Tanween Company: "Zerstörung für Anfänger. Reloaded"

Für die zweite Choreographie dieses Tanztage-Abends hat die deutsch-syrische Choreographin Mey Seifan Träume als Material genutzt. Mey Seifan, 1981 in Damaskus geboren, dort und in Deutschland ausgebildet und seit 2011 wieder in Deutschland, Mey Seifan sammelt seit 2011 über soziale Medien Träume von Menschen aus Syrien, Menschen aus allen Schichten, Berufen und jeden Alters. Mittlerweile ist ein großes Archiv mit mehreren Hundert Träumen zusammengekommen, das auch ein Abbild der Ereignisse in Syrien ist, seit Beginn des Bürgerkrieges bis heute. Und wie Mey Seifan in einem Magazin für Geflüchtete aus Syrien geschrieben hat, haben sich auch die Träume der Menschen verändert: von Euphorie und Hoffnung, über Angstzustände, Angst vor Verfolgung, Verhaftung, Folter hin zu Träumen von Fliegen und Fallen, Schockstarre und Machtlosigkeit, von Flucht und Krieg, Schlachtszenen und Tod. Diese Träume bearbeitet Seifan in ihren Performances, dieses Tanztage-Stück ist der dritte Teil ihrer Trilogie "Zerstörung für Anfänger".

Tanztage 2018: Mey Seifan/Tanween Company
Tanztage 2018: Mey Seifan/Tanween Company; © Gerhard F. Ludwig_fotofisch-berlBild: Sophiensaele; © Gerhard F. Ludwig_fotofisch-berl

Traumsequenzen, chaotisch und sprunghaft, skurril und bedrängend

Darin spielen die vier Performer chaotische Traumsequenzen, sprunghaft und unlogisch. Szenen friedlichen Glücks und großer Hoffnung wandeln sich in Szenen von Gewalt, Verlust und Tod. Wo eben noch Luftballons fröhlich über Kunstnebelwolken hinweg getänzelt sind, liegt nun ein lebloser Körper und das goldene Leichentuch ist zu kurz. Nach dem friedlichen Miteinander wird ein Mann immer wieder brutal an die Wand geworfen, seine Körperumrisse werden mit roter Kreide nachgemalt. Im Liebes-Duett-Tanz sackt die Frau immer wieder kraftlos zusammen, der Mann kann die Vergeblichkeit seiner Versuche nicht einsehen und eine Sensenmann-Figur wird zur alten Greisin, die sich zitternd voranschleppt. Der fließende, freie, sinnliche Tanz der jungen Frau zum fröhlichen Popsong ist nur von kurzer Dauer. Die Performer stecken bei alldem in Gummistiefeln und weißen Plastikanzügen mit Kapuzen, sind fremdartige Erscheinungen, Traumfiguren mit durchsichtigen Masken vor den Gesichtern – über allem glänzt eine nackte Glühbirne, durch alles hindurch zittern Taschenlampenstrahlen.

Mey Saifan hat irritierende, mitunter bedrohliche und beklemmende Traumbilder entworfen, die auch skurril, absurd und sarkastisch sein können. Von der Traum-Idylle zum Albtraum ist es nur ein kleiner Schritt und alles ist unsicher und vergänglich – in dieser Welt ist nichts von Dauer. Eine überzeugende Arbeit, mit einfachen Mitteln und einer Dramaturgie der Nicht-Verlässlichkeit in Szene gesetzt.

Bild:

Frank Schmid, kulturradio

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