Sara Mikolai: Sakhi 03.04 © Keelan o' Hehir
Keelan o' Hehir
Bild: Keelan o' Hehir Download (mp3, 5 MB)

Tanztage Berlin | Sophiensaele - Sara Mikolai: "Sakhi 03.04"

Bewertung:

Klassischer indischer Tempeltanz war gestern Abend Thema bei den Tanztagen Berlin, dem Festival für den tänzerischen Nachwuchs, für die jungen Choreografinnen und Choreografen.

Der alte indische Tempeltanz befragt aus der Perspektive der zeitgenössischen Tanzkunst, das ist die Idee der Choreografin und Tänzerin Sara Mikolai für ihre Choreografie "Sakhi 03.04".

Bharatanatyam-Tempeltanz

Im Mittelpunkt steht der Bharatanatyam-Tanz, ursprünglich aus dem Süden Indiens, mit Wurzeln in den jahrtausendealten Tempeltänzen, heute weltweit der vermutlich populärste der klassischen indischen Tänze.

Charakteristisch ist der tiefe Stand der zumeist Solo-Tänzerin: die Füße mit den Knöchel-Schellen fest in den Boden gestemmt und zur Percussion genutzt, die Knie gebeugt und weit auseinandergespreizt, der Oberkörper sehr aufrecht, die Bewegungen gehen von der Hüfte aus und von zentraler Bedeutung sind Gestik und Mimik.

Hände und Finger, Gesichtsmuskeln, Augen und Augenbrauen – alle Stellungen sind klar definiert und dienen dem Erzählen von Geschichten etwa aus den alten indischen Epen. Ein wunderbar anmutiger und kraftaufwendiger Tanz, erd- und bodenverbunden, sehr schwer zu erlernen - damit muss man ähnlich wie im klassischen Ballett schon in Kinderjahren beginnen.

Phantasie und Lecture Performce – Liebe zweier Tempeltänzerinnen

Sara Mikolai nähert sich diesem Tanz in Form einer Phantasie und einer Art Lecture Performance. Ihr Thema ist die Liebe zwischen zwei Tempeltänzerinnen, wobei der Begriff "Sakhi" im Sanskrit Gefährte, Freund und Geliebte bedeuten kann und die Freundschafts- und Liebesmodelle des Westens ohnehin nicht zu den sehr komplexen auch gleichgeschlechtlichen Beziehungen passen, die Männer und Frauen auch heute noch in Indien leben.

Kaum eines der vielen zärtlich kuschelnden Männerpaare, die man z.B. im alltäglichen Straßenleben sehen kann, ist tatsächlich ein schwules Liebespaar, intime Körperlichkeit und Zärtlichkeit haben hier ganz andere Bedeutungen.

Insofern ist der Ansatz von Sara Mikolai wenigstens unscharf, wenn sie in ihren am Mikrophon vorgelesenen Texten, die eine Tänzerin vor sehnsuchtsvoller Liebe zur anderen abwesenden vergehen lässt.

Zugleich versucht Mikolai, in den Texten und mit Fotografien von alten Gemälden und mit Auszügen aus den alten indischen Epen, die Bedeutung und Funktion des Tempeltanzes verständlich zu machen, angelehnt an die auch im Westen berühmte Geschichten um Gott Krishna und seine Gopis, die Hirtenmädchen, angelehnt v.a. an die Geschichte von der konkreten und spirituellen Liebe zwischen Krishna und Radha.

Kurze Tanz-Sequenzen – schwärmerische Sehnsucht und Liebe

Ihre Liebesgeschichte zwischen den beiden Tempeltänzerinnen konstruiert Sara Mikolai als Phantasie in Form fiktiver Liebesbriefe, in der die eine von der Nähe und Verschmelzung erzählt, die sie im gemeinsamen Tanz mit der anderen und in deren Abwesenheit erlebt.

Dazu führt Mikolai, im Bharatanatyam und im zeitgenössischen Tanz ausgebildet, in kurzen Sequenzen, im einfachen grünen Sari auf dem Boden sitzend oder halb liegend Bewegungsformen des Bharatanatyam vor, vor allem Handgestik und Gesichtsmimik, zeigt schwärmerische Sehnsucht, glückliche Hingabe, genießerisches Schwelgen im absoluten Glück, das im klassischen Tempeltanz eigentlich der Beziehung zwischen der Gottheit und seiner Jüngerin und Geliebten zugeordnet ist. Leider erklingt nur selten die traditionelle Musik mit Gesang, Flöte und indischem Harmonium, wenn, wird sie wegen der Überlänge der Musikstücke schnell ausgeblendet.

Romantizismus ohne Zugang zu wesentlichen Problemstellungen

Dies ist insgesamt keine schlüssige Reflexion über den indischen Tempeltanz sondern kaum mehr als Romantizismus, schwerlich passende, herbeigesehnte Übertragung westlicher romantischer Liebesvorstellungen.

Zu den angekündigten Problemstellungen findet Sara Mikolai keinen Zugang, zum Einfluss der britischen Kolonialmacht auf die Tempeltänze, 1910 haben die Briten sie verboten, zu der historisch umstrittenen Frage, inwieweit Konkubinentum und Prostitution zum Leben der Tempeltänzerinnen gehörten, sie waren zumeist von adligen Mäzenen abhängig, zur privilegierten Stellung, die Tempeltänzerinnen in der Gesellschaft hatten oder zu der Frage, welche Beziehungsmöglichkeiten die Frauen tatsächlich hatten – zu alldem kommt sie nicht. Kolonialismus und Postkolonialismus bleiben außen vor wie auch die realen historischen Bedingungen und Veränderungsprozesse des Bharatanatyam-Tanzes.

Unklar und ausgereift

Inhaltlich und dramaturgisch ist diese Performance unklar und unausgereift. Es reicht nicht, im stetigen Wechsel einige Bewegungssequenzen vorzuführen und mit samtweicher Stimme minimale Einblicke in den Tanz und ausgedehnte in die erwünschte Liebesgeschichte zu geben.

Nach dem im Prinzip überzeugenden Auftakt der Tanztage ist dies also ein schwaches Stück. Aber das ist recht typisch für die Wundertüte Tanztage und morgen Abend könnte mit dem neuen Stück von Lina Gomez, die schon mit ihren Choreografien während des Studiums am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin brilliert hat, schon wieder ein Highlight des diesjährigen Festivals zu erleben sein.

Frank Schmid, kulturradio

Weitere Rezensionen

Staatsballett Berlin: Romeo und Julia © Fernando Marcos
Fernando Marcos

Staatsballett Berlin - "Romeo und Julia"

Es ist die berühmteste und herzerweichendste Liebesgeschichte der Welt: "Romeo und Julia". Für seine letzte abendfüllende Premiere mit dem Berliner Staatsballett hat sich der scheidende Staatsballett-Intendant Nacho Duato einen Selbstläufer ausgesucht.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung:
Radialsystem V; Foto: Sebastian Bolesch

Radialsystem V - "Dialoge - Wirbel"

Am Samstag hat Sasha Waltz im Radialsystem ihre neue Dialoge-Reihe gestartet - als Teil ihres 25-jährigen Compagnie-Jubiläums in diesem Jahr. An vier Improvisationsabenden werden Künstlerinnen und Künstler zu Gast sein, die ihren Weg begleitet haben.

Download (mp3, 5 MB)
Bewertung: