"Menschen, Orte und Dinge"; © Matthias Horn
Matthias Horn
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Berliner Ensemble – Kleines Haus - Duncan Macmillan: "Menschen, Orte und Dinge"

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Wie grausam und mächtig die Sucht sein kann, erzählt Duncan Macmillan in seinem Stück "Menschen, Orte und Dinge". Darin begibt sich die tabletten-, kokain- und alkoholsüchtige Schauspielerin Emma in eine Entzugsklinik, um ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

Marylin Monroe, Prince, Whitney Housten – alles große Stars, deren Leben Pillen, Drinks und andere Substanzen ein frühes Ende gesetzt haben. Auch Amy Winehouse starb mit 27 Jahren an einer Überdosis; zuvor hatte sie noch in ihrem Superhit gesungen: "They tried to make me go to rehab, but I said no, no, no!" Im Stück "Menschen, Orte und Dinge" des irischen Dramatikers Duncan Macmillan dreht sich alles um eine solche Frau auf Messers Schneide: Die junge Schauspielerin Emma schluckt, was sie in die Finger kriegt – bis sie ihren Job verliert, mit Blackouts zusammenbricht und in der Entzugskur landet. Am Berliner Ensemble hat Bernadette Sonnenbichler die Deutsche Erstaufführung inszeniert.

Übersichtlicher Plot

Eine junge Schauspielerin und ihre Drogenexzesse – ein recht übersichtlicher Plot. Duncan Macmillan, das ist das Besondere, taucht hier allerdings ganz in die Wahrnehmung der Abhängigen ein. Es könnte ein Drehbuch sein, so detailliert beschreibt er in seinem Wellmade-Play die Regieanweisungen.

Macmillan stellt sich eine Inszenierung vor, in der die Wände verschwimmen, die Kommoden atmen, die Hauptfigur Emma von abgespalteten Sucht-Emmas bedrängt wird. Der Zuschauer soll also sowohl die Drogen-Exzesse miterfahren als auch den kalten Entzug, den Emma in der Klinik macht. Das Stück spielt, bis auf die Schlussszene, ausschließlich in der Reha.

"Menschen, Orte und Dinge"; © Matthias Horn
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Starke, künstliche Bilder

Die Regisseurin übersetzt diese expliziten Regieanweisungen in starke, künstliche Bilder und Töne. Wolfgang Menardis Bühne ist ganz in weiß gehalten, von Stellwänden begrenzt, an der Decke leuchten Neonröhren, Waschbecken sind in die Wände eingelassen – ein steriler Klinikraum.

Wenn Emma im Delirium ist, werden auf allen Seiten abstrakte schwarz-weiße Muster projiziert, die sich bedrohlich bewegen, sodass sich die Wände wirklich zu öffnen scheinen: Wasserschlieren, Wellen, Prismen, spitze Nadeln, Gewölk, etwas Erdbebengleiches, als tue sich der Boden auf und man würde durchs Weltall geschleudert oder von Geröllmassen verschluckt. Dazu ein Störgeräusch das an- und abschwillt. Immer wieder komplettes Schwarz und Neonblitze, die schmerzhaft zucken.

Durchaus eindrücklich

Wenn Emma sich einen Becher mit Leitungswasser füllen will, fließt aus dem Hahn eine schwarze Brühe, die wir Zuschauer sehen, nicht aber die Ärztin. Die Tänzerin Cristiana Casadio kriecht als abgespaltenes Ich während Emmas Entzug hinter den Wänden hervor und will sie überwältigen, ein psychotischer Horrortrip. Dieses Sichtbarmachen des Kampfs um Leben und Tod ist durchaus eindrücklich.

Eine Geschichte wie aus dem Lehrbuch

Die junge Sina Martens, die von Kritikern 2017 zur "Nachwuchsschauspielerin des Jahres" gewählt worden ist, hat als diese Emma eine schwierige Gratwanderung zu meistern: Einerseits soll sie die Zuschauer nachempfinden lassen, in welchem perfiden Albtraum sie sich befindet, andererseits eine normale junge Frau sein, die dieselben Probleme hat wie wir alle. Sina Martens wirft sich ungebremst hinein, sie schlottert, brüllt, krümmt und verausgabt sich – eine talentierte Schauspielerin, keine Frage, die sich hier allerdings zu sehr sämtlichen irren Ticks bedient, die man Suchtkranken gemeinhin zurechnet .

Diese Emma, die lügt, sich hinter ihren Rollen versteckt und nicht weiß, wer sie abseits der Bühne ist, braucht mehrere Anläufe, um sich auf das spirituelle 12-Schritte-Programm einzulassen, das die Klinik propagiert – bis sie letztlich bekehrt wird und den Versuchungen trotzt. Eine Geschichte wie aus dem Lehrbuch der Anonymen Alkoholiker. Als hätte die staatliche Suchtprävention das Stück in Auftrag gegeben.

Esoterisches Kalenderblatt

Duncan Macmillan will empathisch mit den Suchtkranken sein und zeigen, wie man es aus der Hölle herausschaffen kann. Sein Stück wird dabei zur sozialdidaktischen Lehrstunde. Wenn Sätze fallen wie "Das Schwierigste ist, sich selbst zu lieben", klingt das zu sehr nach esoterischem Kalenderblatt. Im deutschen Theater, das mehr von inhaltlichen und ästhetischen Brüchen geprägt ist als das angelsächsische, tut man sich generell schwer mit solchen unverstellten, moralisierenden Geschichten. Bei aller Sehnsucht nach großen Stoffen: Die Figuren stammen hier zu deutlich aus dem Psychiatrie-Lexikon.

Wer ist die Zielgruppe?

Darüberhinaus ist fraglich, wer die Zielgruppe dieses Abends sein soll. Im Programmheft sagt Macmillan, dass er die Probleme dieser Menschen mit mehr Würde und Genauigkeit beschreiben möchte, als das sonst der Fall sei. Bei der Uraufführung in London sei er sehr froh gewesen, die Leute aus der Suchtklinik erreicht zu haben, in der er recherchiert hat. Diese Leute sitzen allerdings nicht unbedingt im Berliner Ensemble.

Nicht, dass es nicht auch hier sicherlich den einen oder anderen Abhängigen gäbe, Macmillan beschreibt jedoch gerade nicht den Süchtigen in der Mitte der Gesellschaft, sondern den Junkie am Abgrund. Bei allen Rückfällen, Ausbrüchen und Psychosen verliert man irgendwann die emotionale Anbindung an diese kaputten Figuren in ihrem Klinikkosmos.

Barbara Behrendt, kulturradio

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