"Berliner Ensemble: Panikherz"; © Julian Roeder
Julian Roeder
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Berliner Ensemble - "Panikherz"

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Oliver Reese hat den knapp 600-seitigen Wälzer von Benjamin von Stuckrad-Barre auf gut 40 Seiten eingedampft. Was also ist übrig geblieben?

Er gilt noch immer als Verkörperung der Pop-Literatur: Benjamin von Stuckrad-Barre. Mit 23 schrieb er "Soloalbum" – jenen Bestseller, der ihn sofort berühmt machte. Er war Redakteur beim "Rolling Stone", wechselte zu einer Plattenfirma, dann zum Fernsehen, als Gag-Schreiber für Harald Schmidt. Ein Leben mitten im Medien-Glamour – es folgten Jahre voller Drogenexzesse und Essstörungen.

Nach langer Pause kam 2016 sein autobiografischer Roman "Panikherz" heraus, in dem er die Abstürze und Entzugskuren schonungslos offen beschreibt. Am Berliner Ensemble hat der Hausherr Oliver Reese nun zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt im Herbst Regie geführt und das dicke Buch fürs Theater adaptiert.

Sowohl der Süchtige als auch der Genesene Stuckrad-Barre stehen bei dieser Uraufführung auf der Bühne, und zwar in doppelter Ausführung. Bettina Hoppe, Carina Zichner, Nico Holonics und Laurence Rupp spielen den Ich-Erzähler Benjamin in unterschiedlichen Stadien: Zichner gibt den hyperaktiven Jugendlichen, der aus der Kleinstadthölle fliehen will, die beiden Männer tauchen in den Karriererausch des Pop-Literaten und das Drogenhoch ein, Hoppe übernimmt die Partien des Abstinenten, der melancholisch zurückschaut.

Der große Retter

Die Bühne bildet eine nostalgische, schummrige Hotel-Lobby mit abgewetztem Perserteppich, Bar und altem Ledersessel: Wir sind im "Chateau Marmont" in Hollywood, dem legendären Hotel, in dem schon James Dean durchs Fenster gesprungen ist. Hier schreibt Stuckrad-Barre sein Buch – mittlerweile clean von Kokain und Alkohol und auch einigermaßen von seiner Bulimie genesen.

Dort einquartiert hat ihn Udo Lindenberg. Denn der Held in dieser Autobiografie ist nicht Stuckrad-Barre. Der große Retter, die überhöhte Vaterfigur und Lichtgestalt, die er ungemein zärtlich beschreibt, ist Lindenberg. Seine Songtexte und ihrer beider Freundschaft durchziehen Stuckrad-Barres Leben und so auch dieses Buch.

"Berliner Ensemble: Panikherz"; © Julian Roeder
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Naheliegend, geradezu zwingend, dass an diesem Abend viele Lindenberg-Songs gespielt werden. Dafür sitzen Musiker mit diversen Instrumenten links und rechts der Bühne und untermalen den Abend – auch mit Tönen von Nirvana, Oasis und Rammstein, die im Buch eine Rolle spielen. Von den Schauspielern werden die großen Udo-Hits geschmettert – keine umwerfenden Neuinterpretationen, eher ein recht gefälliges Best-Of. Aber man könnte schon sagen: Berlin hat ein neues Lindenberg-Musical.

Oliver Reese hat den knapp 600-seitigen Wälzer auf gut 40 Seiten eingedampft – übrig geblieben sind: viele Pointen, unzählige Geschichten über Koks-Highs und Brechattacken und noch viel mehr Reha-Episoden. Es wird zwar dicht an den Lebensstationen von Stuckrad-Barre erzählt. Das Porträt eines viel zu früh viel zu erfolgreichen jungen Mannes, der panische Angst vor Alltagsroutinen hat, vor dem Dickwerden, vor dem Nicht-perfekt-Sein. Ein Narzisst, nicht gerade sympathisch, aber in seiner radikalen Ehrlichkeit herzanrührend.

Gegen die Wand

Doch der Abend bleibt, im wahrsten Sinne, auf den Drogen hängen. Reese lässt alles aus, was über die rein persönliche Biografie hinausweist, also: alles, was interessant wäre. "Panikherz" ist nun einmal auch ein Abgesang auf die ironieverseuchte, hypercoole Pop- und Medienkultur der Neunziger- und Nullerjahre.

Stuckrad-Barre ging, wie gesagt, bei Harald Schmidt in die Lehre, dem Fernsehkönig des Zynismus. In seiner Autobiografie steckt die Einsicht, dass die Pop-Generation mit dieser Haltung gegen die Wand gefahren ist. Und dass es, wenn es hart auf hart kommt, eben doch, ganz ironiefrei, Retter wie den eigenen Bruder, den guten alten Freund und die Musik braucht. Das Buch steckt zudem voller kleiner Essays über Musikgeschichte und über interessante Begegnungen mit Bret Easton Ellis, Thomas Gottschalk, Elvis Costello, Marius Müller-Westernhagen.

Reese jedoch lässt nur kiloweise weißes Pulver auf die Bühne schütten und die nächste Reha starten. Das ist so oberflächlich wie erwartbar. Stuckrad-Barre wird dabei zu sehr auf die talentierte Koks-Nase reduziert, für die ihn das Showbiz ohnehin immer gehalten hat. Auch wenn die Schauspieler das kraftvoll spielen – es ist, bei allem behaupteten Exzess, eine erstaunlich biedere und oberflächlich-unterhaltsame Inszenierung, die das Leid dieses Menschen zwar voyeuristisch beobachten, kaum aber mitfühlen lässt.

Barbara Behrendt, kulturradio

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