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Giorgia Bertazzi
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Pierre Boulez Saal - Tetzlaff, Tetzlaff & Vogt

Bewertung:

Der Pianist Lars Vogt, der Geiger Christian Tetzlaff und seine Schwester, die Cellistin Tanja Tetzlaff spielen seit langem gemeinsam Klaviertrio – und haben im Berliner Pierre Boulez Saal eins der besten Kammerkonzerte der letzten Jahre gegeben.

Wenn Lars Vogt, Christian und Tanja Tetzlaff gemeinsam Kammermusik spielen, weiß das Berliner Publikum, dass es etwas richtig Besonderes geboten bekommt, und so war der Pierre Boulez Saal komplett ausverkauft. Zwei Stuhlreihen musste man noch vor die regulären Plätze setzen. Da reichte der Platz auf der Bühne gerade noch für den Flügel und die drei Spieler. Das Publikum saß teilweise nicht einmal einen halben Meter vom Flügel entfernt.

Das hatte etwas sehr Intimes, das hervorragend zur Kammermusik passt. Die drei waren gewissermaßen ganz unter sich. Nicht einmal den bei vielen Kammerkonzerten obligatorischen Notenwender für den Pianisten benötigte man – was immer beliebter wird: Auch Lars Vogt hatte keine Noten aus Papier auf dem Pult, sondern alles auf einem iPad.

Blindes Verständnis

Die drei spielen schon lange zusammen, und das spürt man. Da gibt es ein blindes Verständnis, und man braucht keine sichtbaren Absprachen – kein Zunicken oder spürbare Einsätze, um zusammenzubleiben. Allenfalls gibt es einen kleinen Blick, aber das ist dann auch schon alles.

Vor allem: Hier wird echte Kammermusik zelebriert, gleichberechtigt und klar mitzuverfolgen, wer wann wo im Augenblick die wichtigste Stimme hat – die anderen rücken dann sofort in den Hintergrund. Das ist musikalische Kommunikation auf höchstem Niveau. Vor allem Christian und Tanja Tetzlaff agieren so homogen. Wenn beide die gleiche Stimme haben, verschmilzt es klanglich so sehr, dass man keine zwei Instrumente zu hören glaubt, sondern eine einzige Riesengeige.

Schumann

Drei romantische Klaviertrios von Schumann, Brahms und Dvořák standen auf dem Programm, sehr homogen und zusammenhängend gedacht: Schumann hat Brahms gefördert, Brahms wiederum Dvořák. Bemerkenswerter waren dann aber eher die Unterschiede zwischen den drei Werken. Von Robert Schumann gab es das zweite Klaviertrio, ein eher heiteres Werk mit wenig dramatischen Kontrasten, aber die Musiker haben das genutzt, um mit den Klangräumen dieser Musik zu spielen.

Über weite Strecken gibt es das erwartbare kammermusikalische Kommunizieren. Dann aber nehmen die drei einen neuen Gedanken zum Anlass, eine komplett neue Klangfarbe zu erfinden – was wiederum dazu führt, dass der Saal akustisch plötzlich kleiner erscheint und man noch dichter dranzusitzen glaubt. Solche atemberaubenden Effekte kann man nur vollbringen, wenn man so großartig zusammenspielt.

Brahms

Kräftigere Kost ist das zweite Klaviertrio von Johannes Brahms. Hier muss man sich erst einmal durch den langen, dicht komponierten und sehr komplexen Kopfsatz kämpfen. Nicht immer einfach, aber so interpretiert immer nachvollziehbar, wie es von einem zum anderen kommt.

Beeindruckend ist hier vor allem Lars Vogt mit seiner langen Brahms-Erfahrung. So vollgriffig der Klaviersatz ist – und Vogt weiß auch durchaus kräftige Akzente zu setzen – so sehr kann er sich bei allen Tonfluten zurücknehmen, wenn Geige oder Cello die wichtigeren Motive haben. So schlank hat man Brahms phasenweise selten gehört. Im Scherzo ein Glitzern und Wispern, auch mal herrlich lakonisch – das kann man einfach nicht besser spielen.

Sehr viel emotionaler ist das "Dumky"-Trio von Antonín Dvořák mit seinen permanenten Wechseln zwischen Melancholie und Tänzerischem. Und das haben Lars Vogt, Christian und Tanja Tetzlaff geradezu zelebriert: mal unterhaltsame Wirtshaus-Musik, dann eine Ruhe, fast eine stille Kirchen-Atmosphäre, wo sich der Saal plötzlich doppelt so groß anfühlte. Endlose Melodien der Streicher gegen Perlendes und Kräftiges im Klavier – und alles an der richtigen Stelle, ein reiner Genuss.

Für diese Besetzung ist der Pierre Boulez Saal ideal – vorausgesetzt es wird auf diesem Spitzenniveau musiziert. Denn man hört alles, keine Ungenauigkeit entgeht dem Ohr. Aber davor musste sich dieses herausragende Klaviertrio auch nicht fürchten. Einer der schönsten Kammermusikabende seit langem.

Andreas Göbel, kulturradio

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