Joseph Calleja, Tenor; © Mathias Bothor/DECCA
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Deutsche Oper Berlin - Francesco Cilea: "L'Arlesiana" (konzertant)

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Kitsch-Kuchen de luxe – mit Joseph Calleja in der Hauptrolle entpuppt sich L’Arlesiana von Francesco Cilea als super Ausgrabung in Berlin

Verismo-Opern sind 'das schmutzige Hobby' der Opern-Liebhaberei. Da wird gemordet, geröchelt und gejuchzt, bis der Theater-Arzt kommt. Köstlich! Obwohl die Werke von Francesco Cilea vorzüglich orchestriert und reißerisch genug komponiert sind, verirrt sich allerdings höchstens "Adriana Lecouvreur" – im Schlepptau einer Diva – hin und wieder in ein erstklassiges Opernhaus.

Aus "L’Arlesiana", Cileas zweitem großen Erfolg, kennt man aus alten Zeiten höchstens die Tenor-Arie "E la solita storia". Das Werk bedeutete 1897 einen Durchbruch für den noch jungen Enrico Caruso. Von Jussi Björling bis zum jungen Rolando Villazón gibt es zahllose wundervolle Aufnahmen davon.

Goldrichtig

In Berlin bewährt sich der maltesische Star-Tenor Joseph Calleja (40) in der Rolle des Landburschen, dem von einem Nebenbuhler die Angebetete wegintrigiert wird, und der sich dafür vom Heuboden in den Tod stürzt. Calleja, wie auf seiner neuen Verdi-CD in Bestform, verfügt über einen breitspurigen, weich timbrierten, sehr schallfreudigen Schmachttenor mit leicht elegischer Träne im Knopfloch. Goldrichtig.

Die Stimme hat schönen Flaum angesetzt in letzter Zeit, so dass gewisse Ähnlichkeiten mit dem butterflockigen Luciano Pavarotti auffallen. Wer den enormen Thorax des Sängers sieht, weiß wo er die großen Töne herholt. Komödiantisch sein kann er nicht (anders als Pavarotti); das schadet aber nichts.

Da das titelgebende Mädchen aus Arles (dem auch die "Arlésienne"-Suiten von Georges Bizet gewidnet sind) in der Oper nicht auftritt – es ist der Gimmick des Werkes! –, steht Calleja unangefochten im Zentrum. Vielleicht singt er eine Idee zu gern Forte. Doch seine Leistung bestätigt, dass er zurzeit, mit herrlich geschmeidiger Attacke, der vielleicht beste Tenor des italienischen Fachs ist – neben Juan Diego Flórez, mit dem es nur wenige Rollenüberschneidungen gibt.

Lupenreines Niveau

Mit der legendären Dolora Zajick kehrt als Mutter Rosa eine Sängerin im Großmutter-Alter nach Berlin zurück, die in Wirklichkeit immer besser geworden ist. Ihr wehrhafter Kampf-Mezzo besitzt immer noch die sengende Vokalkraft eines Schneidbrenners. Doch klingt sie ausgeglichener, antioxidanshafter und damit klangschöner denn je. Sie scheint sich ständig dafür entschuldigen zu wollen, einmal nicht ihre Paraderolle der rachlüsternen Azucena vorzuführen. Doch sie motiviert zusätzlich – neben dem vortrefflichen Calleja – das sängerisch lupenreine Niveau des Abends.

Markus Brück als alter Hirt Baldassare singt eine der schönsten Vorstellungen in seiner langen, durchaus geschätzten Karriere in Berlin. Seth Carico schnarrt und knarrt super als böser Metifio. Mariangela Sicilia bringt in ihrem feinen, zum Reißen gespannten Haar-Sopran mehr Seidengefühle unter als die Rolle eigentlich vorsieht. Das ist ein ausgezeichneter Schnitt, bei dem man sich nur fragt, warum in aller Welt dieser Abend nicht mitgeschnitten wurde.

Die Bude brummt.

Nur der Chor der Deutschen Oper unter dem noch frischen Jeremy Bines wackelt hier und da. Und: So dankbar die Instrumentation Cileas für das Orchester der Deutschen Oper auch sein mag, noch kaum ein einziger Dirigent hat mit derlei Repertoire je einen echten Stich gemacht. Auch Paolo Arrivabeni nicht, der sich darauf beschränken kann, mit nüchternen Bewegungen den Verkehr zu regeln (nicht mal Karajan, Maazel oder Riccardo Chailly kamen mit Werken von Mascagni, Giordano oder Cilea sonderlich weit ...). Die samtigen Farben, die Melodienkraft eines Komponisten, der hörbar kein Melodiker sein will, sind auch so reizvoll genug.

Erstaunlich, welch gute Werke noch auf den hintersten Regalmetern der Musikgeschichte vor sich hin stauben. Ohne den Vorsatz, ein Vehikel für den in Berlin gern gesehenen Calleja aufzutreiben, wäre man vermutlich nie in den Genuss dieses wunderbaren Kitsch-Kuchens gekommen. Die Bude brummt. Die Berliner kennen ihre Pappenheimer. Selbst wenn dieser Pappenheimer Calleja heißt.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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