"Deutsches Theater: Sommergäste"; © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Deutsches Theater Berlin - Maxim Gorki: "Sommergäste"

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Sie sind vom Überdruss geplagt, die "Sommergäste" von Rechtsanwalt Bassow und seiner Frau Warwara. Es sind privilierte Menschen, die dort in der Sommerfrische zusammenkommen. Sie führen ein angenehmes Leben und suchen doch den Sinn darin.        

Mit "Väter und Söhne" hat die Regisseurin Daniela Löffner dem Deutschen Theater 2015 den erfolgreichsten Abend der letzten Jahre inklusive Einladung zum Theatertreffen beschert: Turgenjews großes Generationenporträt erzählte sie so menschlich einfühlsam wie trocken komisch. Jetzt ist Löffner zurück am DT – wieder mit einem russischen Stück, wieder mit einem hochkarätigen Ensemble besetzt. Gespielt wird Gorkis "Sommergäste", ein Stück, das vom sinnentleerten Bürgertum am Vorabend der Russischen Revolution erzählt.

Nicht überfrachtet

Doch es sind Menschen von heute, die uns hier begegnen ­– ohne, dass es uns überdeutlich unter die Nase gerieben würde. Sie tragen modische Sommerkleidung, bewegen sich aber in einem zeitlosen, bronzefarbenen Guckkasten, darauf ein Klavier, viele Klappstühle für die 15 Schauspieler, die den vierstündigen Abend über gemeinsam auf der Bühne stehen und sich beim Spielen zusehen. Weiter hinten ist, mehr als Zitat, dezent ein alter russischer Samowar aufgestellt.

Die Fassung, die Daniela Löffner mit dem Dramaturgen David Heiligers erstellt hat, holt die Sprache in unsere Zeit, ist umgangssprachlicher, aber nicht mit Aktualisierungen überfrachtet. Handys, #MeToo oder AfD tauchen darin zum Glück nicht auf.

Fesselnde Spannungsbögen

"Sommergäste" zeichnet sich nicht durch fesselnde Spannungsbögen aus, in seiner großen reignislosigkeit ähnelt Gorki durchaus Tschechow. Allerdings schaut Gorki kälter, unbarmherziger auf die Menschen – eine mitleidlose Abrechnung mit dem Bürgertum, die es selten auf die deutschen Spielpläne schafft.

Legendär nach wie vor die "Sommergäste"-Inszenierung von Peter Stein anno 1974 an der Berliner Schaubühne mit Jutta Lampe, Edith Clever und Bruno Ganz – selbstverständlich längst nicht mehr im Repertoire, dafür aber, verfilmt auf der Pfaueninsel, immer noch auf DVD zu sehen.

Die äußere Handlung ist schnell erzählt: Verschiedene Paare und deren Freunde verbringen die Sommermonate in ihren Datschen auf dem Land, verlieben und entlieben sich, bekriegen und beklagen sich. Allesamt besser gestellte Leute – Ärzte, Anwälte, Ingenieure, ein Bürgertum, das sich seiner Rolle nicht mehr sicher ist. Das schwankt zwischen Selbstmitleid, Selbsthass, Zynismus, Resignation und Aufbruchssehnsucht. Die einen wollen sich einrichten im privaten Glück. Bei den anderen bleibt das dunkle Gefühl: Das reicht nicht, man müsste etwas verändern in der Welt, soziale Verantwortung übernehmen.

Beziehungsebene im Mittelpunkt

Daniela Löffner versucht, nicht nur die Psychologie der Figuren, sondern auch die Gesellschaftsanalyse in die Gegenwart zu übertragen, doch dieser Versuch gelingt nicht so ganz. Das mag paradoxerweise mit jener "Heutigkeit" der Figuren zu tun haben. Die Paare, die sich hier in ihren Ehehöllen zerfleischen, leben nicht mehr 1904, wo man seine Verzweiflung versuchte zu verbergen, sich zusammenzureißen – und erst im großen Finale den Verzweiflungsknoten platzen lies.

Hier begegnen wir modernen Menschen, denen jede Gefühlsregung ins Gesicht geschrieben steht, die sich wehren, laut werden, auf den Tisch hauen. Das führt in dieser Inszenierung dazu, dass die Beziehungsebene, die unglücklichen Lieben stärker in den Mittelpunkt rücken – während die politische Dimension des Stücks beim zeitlichen Transfer in unsere Gegenwart eher flacher wird. Es ist, als trete man zu nah an ein Bild heran und verliere dabei die Übersicht übers große Ganze.

Greifbare Abscheu

Manches in der Figurenzeichnung gerät zu schrill, zu oberflächlich. Natali Seelig etwa keift als überforderte Mutter dermaßen hysterisch ihre Mitspieler an, dass sie wie eine Parodie auf ihre Figur wirkt. Und Kathleen Morgeneyer, eine zarte, sensible Schauspielerin, trägt als Julija (die Ehefrau des brutalen Ingenieurs Suslow) zu dick auf, wenn sie als Lolita im Minikleidchen powackelnd über die Bühne stakst.

Das Zentrum der Aufführung bilden Anja Schneider als warmherzige, verzweifelt sinnsuchende Ehefrau Warja und Alexander Khuon als ihr so verweichlichter wie zynischer Mann Sergej Bassow. Auch ohne viele Worte ist ihre Abscheu füreinander immer greifbar. Ein schrecklich trauriges Dilemma, wenn sie ihn heiß umarmt, als er nackt aus der Dusche kommt, und er sie von sich weglobt mit den Worten: "Du bist eine tolle Frau, intelligent, ehrlich – und so weiter."

Auch Bernd Stempel als selbstverliebter, opportunistischer Schriftsteller Schalimow möchte man stundenlang bei seiner Desavouierung zusehen, die junge Maike Knirsch in der Rolle der noch optimistischen, lebenshungrigen und empathischen Tochter Sonja ist eine echte Entdeckung. Regine Zimmermanns spröder, burschikoser Ärztin Marja nimmt man die verzweifelte Liebe zum deutlich jüngeren Marcel Kohler in der Rolle des traurigen Pausenclowns Wlas dagegen nicht immer ab.

Teilweise plump

Mit den "Sommergästen" kann Daniela Löffner nicht ganz an ihren großen Erfolg am Deutschen Theater anknüpfen. "Väter und Söhne" war deshalb eine besonders berührende Inszenierung, da man auf der Bühne mitten unter den Schauspielern saß und deren Spiel dadurch zurückhaltender, angedeuteter, leiser wurde. Diesmal aber wird nicht nur wie wahnsinnig gewütet, auch die Inszenierungsideen sind manchmal plump. Wenn der Student Simin seine Freundin fragt, ob sie ihm treu sein wird, solange er fort ist, muss er dabei mit einer phallischen Salamistange vor ihr herumfuchteln. Das führt bei vier Stunden zu Ermüdungserscheinungen im Publikum: Bei der Premiere lichten sich die Reihen nach der Pause.

Das große Finale des Stücks, bei dem die Frauen sich zum Aufbruch formieren und Warja ihren Mann verlassen will, unterscheidet sich dann kaum im Ton von den vorangegangenen Gefühlsausbrüchen und geht nahezu unter. Ob die Frauen den Absprung wirklich durchziehen werden? Löffner lässt es offen.   

Trotzdem ein Abend, der durch das Zusammenspiel des Spitzen-Ensembles immer wieder an Höhen (und Unterhaltung) gewinnt. Und der die psychologischen Abgründe seiner Figuren zu durchleuchten versucht, die alle so schrecklich aneinander vorbeilieben.

Barbara Behrendt, kulturradio

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