"Die Hamletmaschine"; © Ute Langkafel
Bild: Ute Langkafel

Maxim Gorki Theater Berlin - Heiner Müller: "Die Hamletmaschine"

Bewertung:

Es ist ein bisher einmaliges Projekt: Das "Exil Ensemble" am Gorki Theater. Für zwei Jahre sind sieben Schauspieler aus Afghanistan, Syrien und Palästina am Theater und erarbeiten eigene Produktionen. Ihre neueste Arbeit ist Heiner Müllers "Hamletmaschine".

1977 hat Heiner Müller in seinem Stück "Hamletmaschine" mit der Rolle des Intellektuellen abgerechnet. Dieser, beklagt er, schaue bei Aufständen und Revolutionen nur zu – und das zu einer Zeit, in der in der DDR gerade Wolf Biermann ausgebürgert worden war und viele Intellektuelle das Land verlassen haben. Am Gorki-Theater spielt nun das Exil-Ensemble das Stück; sieben Schauspieler, die aus Syrien, dem Westjordanland und Afghanistan stammen. Regie geführt hat Sebastian Nüblin.

Heiner Müller auf Syrien übertragen

Es ist überraschend, wie gut Heiner Müllers Text sich auf die arabischen Revolutionen und den Krieg in Syrien übertragen lässt. Bei Heiner Müller heißt es: "Mein Drama findet nicht mehr statt." Das erinnert an die Klagen vieler Syrer darüber, dass selbst Chemiewaffenangriffe in Syrien westlichen Medien kaum noch eine Meldung wert sind.

Sich selbst, einen Intellektuellen in der DDR, bezeichnet Müller als "Zweiten Clown im Kommunistischen Frühling". Hier wird daraus: "der Dritte Clown im Arabischen Frühling". Das Clownsmotiv zieht sich durch den ganzen Abend.

Clowns wie aus dem Horrorfilm

Die Bühne ist dunkel und leer. Die Schauspieler treten in schlafanzugartigen bunten Einteilern auf. Und mit Masken: weiß geschminktes Gesicht, rote Knollennase, hochgezogene Augenbrauen. Das sind Horrorclowns, wie man sie aus Stephen Kings Buch oder der Verfilmung von "Es" kennt.

Groteske Pantomime

Zu hören ist aus der Ferne der Sound einer Demonstration: Menschenmengen, Sprechchöre, manchmal Jubel. Auch der Spruch der arabischen Revolutionen ist mal zu hören: "Ash-Shab yurid isqat an-Nizam", das Volk will den Sturz des Regimes. Dazu vollführen die Clowns Nummern: Der eine spitzt immer seinen Bleistift; das ist der Intellektuelle; der erst nochmal gründlich nachdenken muss bevor er irgendwas tut. Eine andere bläst einen Luftballon auf, der dann platzt – wie die Hoffnungen der Demonstranten. Und ein dritter lässt in einem Zaubertrick ein Stück Kreide verschwinden.

Dieses Verschwindenlassen steht natürlich auch für Demonstranten. Immer wieder ist zu sehen, dass jemand einfach geschnappt und von den Anderen weggetragen wird. Große Teile des Abend sind eine ziemlich gut gemachte pantomimische Groteske.

"Die Hamletmaschine"; © Ute Langkafel
Bild: Ute Langkafel

Gesprochen wird Arabisch, Englisch, Deutsch

"Hamletmaschine" ist ein kurzes Stück mit nur neun Seiten. Davon kommt ungefähr die Hälfte vor, der Reihenfolge nach. Gesprochen wird mal Arabisch, mal Englisch, mal – vermutlich – Paschtu. Die Texte werden danach auf Deutsch wiederholt oder auf einen grauen Gaze-Vorhang projjiziert.

Es hat Vorteile, wenn Schauspieler in ihrer Muttersprache spielen; weil sie sich aufs Spiel konzentrieren können; in einer Fremdsprache wird das Spiel oft etwas angestrengt und flach. Aber fürs Publikum ist es natürlich ein Irritationsmoment.

Zusätzlich gibt es Texte von Ayham Majid Agha, dem Leiter des Exil-Ensembles, der zugleich mitspielt. Er hat sich viel mit Heiner Müller beschäftigt, der in Syrien – ähnlich wie auch Bertolt Brecht – eine lange Aufführungstradition hat.

Anspielungsreiche Texte

Wie Heiner Müller bezieht sich auch Agha auf die griechische Mythologie und auf die Bibel. In einer Passage erzählt er die Geschichte von Kain und Abel nach – das erste Verbrechen in der Bibel – und zieht von da eine Linie nach Damaskus und zum heutigen Krieg. Dazu muss man wissen, dass der Ort von Kains Mord der Legende nach tatsächlich bei Damaskus liegt. Und dass im Arabischen das Wort Bürgerkrieg "harb ahlieh" übersetzt "Familienkrieg" heißt. Der Text ist sehr anspielungsreich und erschließt sich beim Zuhören nicht sofort. Aber er hat eine Wucht und Poesie, die sich übertragen.

In der stärksten Szene des Abends gibt Ayham Majid Agha hinter dem Gaze-Vorhang einen Entertainer. Zu dröhnend lauter arabischer Musik zählt er die Hamlets und Ophelias von heute auf: eine junge Frau, die in Teheran ermordet wird; ein libyscher Gefängnisarzt während eines Militärputsches; ein junger Syrer, der aus der belagerten Stadt Deir ez-Zor flieht und nach Deutschland kommt. Wie er sich da verortet und einschreibt in diese Gewaltfamilie, das ist stark.

Der Krieg als Show und Spektakel

Der Abend hat eine sehr eigene, abstrakte Form, die dem Inhalt gut tut. Der Regisseur Sebastian Nübling ist bekannt dafür, dass er die Schauspieler zu einem sehr körperlichen Spiel animiert. Das klappt hier unterschiedlich gut: Einige  – zum Beispiel Kenda Hmeidan, Mazen Aljubbeh und Karim Daoud – machen das sehr gut. Andere fremdeln etwas mit diesem pantomimischen Spiel.

Aber: Dieser Abend erzählt eindringlich vom Krieg als Spektakel und Show, bei der wir alle Zuschauer sind. Und dieser düstere, groteske Totentanz packt einen, wenn man sich darauf einlässt.

Mounia Meiborg, kulturradio

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