HAU | She She Pop: Oratorium © Katrin Ribbe
Katrin Ribbe
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Hebbel am Ufer - She She Pop: "Oratorium. Kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis"

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Nichts ist so konstituierend für unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben, nichts wirkt so trennend auf die Gemeinschaft wie das Eigentum. She She Pop möchten mit "Oratorium" das Geheimnis des Eigentums lüften, es auf eine Bühne zerren.

Wer redet schon gern darüber, wie viel er verdient? Über Eigentum zu sprechen – das ist vielleicht eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft. Und deshalb ein Paradethema für die Gruppe She She Pop, die bereits die Themen Alter, Sex und Tod auf der Bühne verhandelt hat. Unter dem Titel "Oratorium" wird am Hebbel am Ufer die finale Fassung der Arbeit gezeigt, die seit Monaten als Work-in-Progress durch Europa zieht und die Menschen vor Ort einbindet.

"Theater ohne Zuschauer"

Angekündigt wurde "Oratorium" als "große, kollektive Andacht" – ausgehend vom Gedanken, dass der Kapitalismus, der Glaube an das Geld, in unserer Gesellschaft die Züge eines religiösen Heilsversprechens angenommen hat. Sprechen Menschen über ihren Besitz, entspricht das fast einer Beichte. Die Inszenierung wird von den Menschen auf der Bühne und im Publikum zusammen gestaltet – einer "Gemeinde". Wie bei einer Liturgie sind die Zuschauer aufgefordert, im Wechsel mit den Darstellern Texte zu verlesen.

Mehr noch als das Ritual der Andacht nutzen She She Pop die Mittel von Brechts Lehrstücken. Durch die eigene Beteiligung soll man intensiver in die Probleme, die verhandelt werden, involviert werden. Brecht nannte es das "Theater ohne Zuschauer", da alle in irgendeiner Form beteiligt sind.

Glaubenssätze des Besitzes

Das Lehrstück auf der Bühne geben dann, ironisiert, mit schwingenden Fahnen, drei She-She-Pop-Mitglieder zusammen mit sieben Performern aus der freien Szene. Die sieben bilden den "Chor der Delegierten", zu zehnt bieten sie dem Publikum verschiedene Lektionen dar. Etwa den "Katechismus vom Eigentum", bei dem Mieke Matzke wie eine Priesterin mit Gebetsrolle Glaubenssätze des Besitzes verliest – das angebliche Recht auf Eigentum, oder Helmut Kohls berühmter Satz "Leistung muss sich wieder lohnen".

Auch die "Lüge von der Leistungsgesellschaft" wird vorgetragen – dabei nennen die Performer Beispiele von Ausbeutung, die hingenommen wird, weil man heutzutage keinesfalls als "erfolglos" gelten dürfe. Journalisten, die 40 Euro für einen guten Text bekommen, Schauspieler, die sich freuen sollen, kostenlos in großen Theatern auftreten zu dürfen, schließlich können sie hier "Kontakte knüpfen".

HAU | She She Pop: Oratorium © Katrin Ribbe
Bild: Katrin Ribbe

Ohne Teilnahme kein System

Im Unterschied zu anderen Recherche-Projekten, wo oft auf die Biografie des Spielers gesetzt wird, achtet man hier darauf, das Individuum nicht sonderlich kenntlich zu machen – die sieben Delegierten sind Stellvertreter für die Gemeinschaft, namenlos, ohne persönliches Schicksal. 

Das Publikum ist Teil des Kollektivs, des Systems – und unbedingt angehalten mitzumachen. Ohne seine Interaktion funktioniert der Abend nicht; ohne Teilnahme kein System. Die Zuschauer sehen auf eine Leinwand, auf der Texte projiziert werden. Wenn "Alle" eingeblendet wird, soll sich der komplette Zuschauerraum zum Sprechchor formieren. Manchmal sind jedoch bestimmte Gruppen gefragt, etwa "der Chor der Mütter ohne Absicherung", "der Chor der gut situierten Rentner", "der Chor der Skeptiker" oder "der Chor derer, die das Herz am rechten Fleck haben". Wozu zählt man sich, welchen Text spricht man mit, wo möchte man sich offenbaren?

Dürftiger Erkenntnisgewinn

Die Zuschauer sind an diesem Premierenabend erstaunlich schnell und bedenkenlos zum freudigen Mitspielen bereit, die Chorlautstärke ist enorm. Wohl nicht zuletzt, weil viele She-She-Pop-Mitglieder und deren Freunde in den Reihen sitzen und anheizen – mit einem kritischeren Publikum würde es schwierig.

Doch das Problem dieses Abends besteht nicht nur darin, die Zuschauer als System-Masse zu instrumentalisieren, sondern auch im ziemlich dürftigen Erkenntnisgewinn.

Das Programmheft listet auf, wen die Gruppe auf ihrer Reise durch Europa interviewt hat: Alleinerziehende, Eingewanderte, Erben, Mieter, Wohnungseigentümer, Entmietete, Lohnarbeiter, Vermieter – davon trägt der Text allerdings kaum Spuren. Erstaunlich, wie sehr der Abend bei so viel Material trotzdem an der Oberfläche kratzt.

Mitspielen oder nicht?

Besitz, Geld, Eigentum – was für ein hoch philosophisches, politisches, gesellschaftliches, raumgreifendes Thema. Doch "Oratorium" bleibt dem Kreis der prekär arbeitenden Kulturschaffenden verhaftet, die beim Thema "Eigenheim" hauptsächlich umtreibt: eines erben oder nicht erben? Mit dem geerbten Geld eine Eigentumswohnung in Prenzlauer Berg kaufen oder nicht? Das kapitalistische Spiel mitmachen oder nicht?

Man macht natürlich nie etwas falsch, wenn man den Kapitalismus und "das System" kritisiert. Und She She Pop inszenieren das so freundlich ironisch, dass daraus kein theorielastiger Klassenkampf-Abend wird.

Allzu harmlos

Am ungemütlichsten der Moment, in dem "der Chor der Erb*innen" auf die Bühne gebeten wird, um den Wert ihres Erbes zu beziffern – und tatsächlich lassen sich ein paar Zuschauerinnen (oder instruierte Performerinnen?) auf diese "Beichte" ein. Vorgeführt werden letztlich aber nicht nur sie, sondern alle Zuschauer, die am gemeinsamen Sprechchor teilnehmen – denn selbstverständlich kann der Chor nur vorlesen, was She She Pop zuvor in den Computer eingespeist haben, alle sind Teil der "konsumierenden" Masse. Alle Teil des maroden Systems. Also besser von vornherein das Spiel boykottieren?

Der entwickelte Text bleibt flach und der Abend allzu harmlos. Und, wie es sich – trotz ironischen Gestus – für ein Lehrstück im Geiste Brechts gehört: moralisierend. Allerdings hat Brechts Theater deutlich schärfer und bissiger Haltung gezeigt. Das "Oratorium" bleibt da ein recht schaler Aufguss.  

Barbara Behrendt, kulturradio

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