Der Pianist Martin Helmchen im kulturradio-Studio; © Carsten Kampf
Carsten Kampf
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Kammermusiksaal - Klavierabend Martin Helmchen

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Das muss man sich erst einmal trauen: Robert Schumanns sperrige Novelletten komplett an einem Abend zu spielen. Allerdings mit vielen Ergänzungen anderer Meister. Ein Konzeptabend von Martin Helmchen, der jedoch nur halb aufgegangen ist.

Das kommt selten vor, dass ein Pianist überhaupt die 8 Novelletten von Robert Schumann spielt. Gründe dafür gibt es einige. Da ist zunächst einmal die Länge: 50 Minuten dauern die Stücke zusammen.

Das größere Problem liegt jedoch in der Form begründet: Es gibt darin teilweise originelle Einfälle, aber Schumann reiht oft Gedanken an Gedanken, gerne auch mal ziemlich unverbunden. Das kann sich gefühlt in die Länge ziehen. Und zwei dieser Stücke sind mit jeweils zehn Minuten Spieldauer wahre Riesenschlangen, die einfach kein Ende finden wollen. Da ist man als Hörer schnell erschöpft.

Werktreue

Martin Helmchen hat sich sehr genau vorbereitet und ist in die Details gegangen. Selbst in den dichtesten Stellen behält er den Überblick, kann sich auch auf seine gute Technik verlassen. Das Ergebnis ist eine sehr werktreue Interpretation, in der man viel von den Stücken wiederfindet.

Dabei bleibt es aber oft auch. Vieles ist sehr brillant, anderes zurückgenommen, aber es bleibt mitunter zu glatt. Martin Helmchen nutzt zu wenig die Sprunghaftigkeit und die Extreme dieser Musik. Zuckerguss wie spitze Stacheln sind mehr im Ansatz vorhanden. Verständlich war das alles, nur hätte man gerne mehr gewusst, warum der Pianist das auf sein Programm gesetzt hat, was ihn persönlich daran interessiert.

Bezugspunkte

Hat Martin Helmchen diesen Stücken vielleicht doch nicht ganz vertraut? Auf jeden Fall hat er zahlreiche andere Stücke hinzugenommen und zwischen den Schumann-Novelletten platziert. Die Bezüge liegen auf der Hand: Da gibt es Musik von Schumanns späterer Frau Clara, Bach als großes Vorbild, Chopin und Liszt als gute Bekannte, aber auch den Blick ins 20. Jahrhundert mit Schönberg und Messiaen. Auch hier hat der Pianist viel gedankliche Arbeit investiert.

Am überzeugendsten funktioniert das dort, wo die Bezugspunkte rein musikalischer Art sind. So hat er zwischen zwei Schumann-Novelletten in D-Dur eine Bach-Sarabande in D-Dur gesetzt. Aber auch über den tonartlichen Bezug hinaus bildet die langsame Sarabande aus der D-Dur-Partita den Ruhepol zwischen zwei tänzerisch-kapriziösen Werken.

Komfort-Zone

Auch die "Zusätze" hat Martin Helmchen sehr gewissenhaft gearbeitet und durchdacht gestaltet. Aber auch hier ist manches eine Kopfgeburt geblieben. Der Bach etwa: agogisch überlegt, in den Wiederholungen sinnvoll zusätzlich verziert, aber klanglich bleibt es zu sehr in einem leicht romantisierten freundlichen Ungefähr.

Dort, wo Martin Helmchen das nicht kann, weil die Stücke einfach anders funktionieren, überzeugt er am meisten. Ein kurzes Stück aus Olivier Messiaens "Vingt Regards sur l’Enfant-Jésus", das ganz aus Vogelstimmen erdacht ist, hat plötzlich Schärfe und Unmittelbarkeit, lässt Virtuoses auch körperlich spüren. Und Franz Liszts späte "Bagatelle ohne Tonart" lässt Reste ehemaliger Virtuosität so glaskar und unsentimental aufscheinen, dass man sich an den Splittern akustisch zu schneiden glaubt. Hier musste Helmchen seine freundliche Komfort-Zone verlassen – und sofort hat man hinhören müssen.

Öfter "ich" sagen

Martin Helmchen müsste öfter alles das, was er über die Stücke, die er spielt, weiß und erarbeitet hat, vergessen und überlegen, was ihn selbst ganz persönlich daran interessiert. Wie gut er das kann, hat er auch bei zweien seiner Zugaben unter Beweis gestellt. Da spielt er eine im Nachlass überlieferte Mendelssohn-Etüde so trocken und knackig dahingeknattert als lakonische Frechheit, dass man positiv überrascht den Atem anhält.

Und ein spätes Brahms-Intermezzo entfaltet unter seinen Händen eine Riesenpalette gedeckter Farben, einen Reichtum auf engstem Raum, dass man sofort spürte, wie sehr er dieses Stück liebt, wie es durch ihn durchgegangen ist, kurz: wie er mit jedem Ton "ich" gesagt hat. Das wäre der Weg. Er kann es.

Andreas Göbel, kulturradio

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