Diana Damrau © Jürgen Frank
Jürgen Frank
© Jürgen Frank | Bild: Jürgen Frank

Philharmonie Berlin - Diana Damrau, Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch

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Das Italienische Liederbuch von Hugo Wolf mit Diana Damrau, Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch. Das hätte ein großer Abend werden können, wenn es nicht als Teil einer umfangreichen Tournee in Routine versunken wäre.                

Große Namen ziehen fast immer, und trotz Eintrittspreisen von bis zu 170 Euro war die Philharmonie nahezu ausverkauft. Das will etwas heißen, denn das Italienische Liederbuch von Hugo Wolf ist nur in Kreisen von Liedenthusiasten wirklich populär. Nach der Pause blieben etliche Plätze frei, vorwiegend natürlich hinter den Sängern – klar: Da hat man nicht viel von, es hat sich sogar jemand lautstark darüber beschwert.

Die Große Philharmonie hat schon manchen Liedsänger erfolgreich erlebt – auch Jonas Kaufmann. Aber da hatte er sich sehr geschickt ein Repertoire ausgewählt, für das der Saal geeignet war. Beim Italienischen Liederbuch ist das leider etwas anders. Man hatte immer das Gefühl, zu weit vom Geschehen entfernt zu sein. Das ist eine minutiös ausgetüftelte Liedkunst, die nur selten über die Rampe kam.

46 Lieder in 80 Minuten

Hugo Wolf hat hier 46 Miniaturen, fast Aphorismen geschaffen. 46 Lieder in 80 Minuten, die Pause einmal abgerechnet. Das Heikle, aber auch Schöne und Geniale daran ist die Kunst, manchmal in wenigen Sekunden eine ganze Welt zu zeichnen, eine komplette Situation oder auch eine Geschichte zu erzählen.

Da geht es um Liebe, Eifersucht, auch um Schmerz und Tod, und das mit einer geradezu fast klischeehaften italienischen Leichtigkeit. Kein endloses Graben und Ringen um die letzten Dinge, sondern: frech, knapp, unverschämt. Die beiden Sänger wechseln sich Lied für Lied ab und verspotten, streiten und vertragen sich. Es ist wie im richtigen Leben.

Jonas Kaufmann; © Gregor Hohenber
Bild: Gregor Hohenber/SONY

Pantomime und Tuchwechsel

Diana Damrau und Jonas Kaufmann haben die Lieder entgegen der originalen Reihenfolge umgruppiert, um größere thematische Zusammenhänge zu schaffen. Auf zunächst zärtliche Liebeslieder folgt die große Auseinandersetzung – man beschimpft einander als Schwätzer oder Renegatin, dann verträgt man sich wieder. Der zweite Teil ist lockerer gefügt. Auf einige geistliche Dinge folgt am Ende Hohn und Spott – jeder will mehr gelten als er ist oder hat.

Das ist gut gedacht und schafft auch größere Bögen, aber beide vertrauen zu wenig auf die Kraft der Lieder. Gerade Jonas Kaufmann übertreibt extrem, wenn er meint, alles noch pantomimisch unterstreichen zu müssen und das dann auch noch ziemlich einstudiert wirkt. In beiden Hälften gehen alle jeweils noch einmal von der Bühne ab, nur damit Diana Damrau ihr Tuch wechseln kann – von türkis über rosa über schwarz bis hin zu himbeerrot. Aber das braucht die Musik nicht. Die Lieder sind viel zu gut für solche Aufgesetztheiten.

Wenig musikalische Arbeit

Diana Damrau und Jonas Kaufmann haben genug Liederfahrung, aber hier finden sie nicht den richtigen Ton. Diana Damrau hat einen klaren Sopran mit leuchtender Helligkeit in der Stimme. Sie verfällt jedoch zu sehr in ein dramatisch-tragödienhaftes Deklamieren, gestattet sich zu viel Volumen und lässt Leichtigkeit und Augenzwinkern vermissen.

Jonas Kaufmann ist dann stark, wenn er in der Mittellage und in mittlerer Lautstärke mit seiner Stimme erzählen kann. Seine Höhe wirkt ziemlich gefährdet, und wenn er leise singen will, schwindet die Substanz. Da rettet er sich oft in einen opernhafen Ton, die hier vollkommen deplatziert ist. Dabei sind beide eigentlich vorbereitet, singen auswendig – aber musikalisch ist zu wenig gearbeitet worden.

Helmut Deutsch © Shirley Suarez
Bild: Shirley Suarez

Tourneeroutine

Helmut Deutsch ist wie gewohnt eine feste Größe, lässt nichts anbrennen. Wie nicht anders zu erwarten, begleitet er mit bestechender Klarheit und absoluter Kompetenz im jahrzehntelangen Umgang mit dieser Literatur. Er ist eine gute Stütze für die Sänger, aber auch ihn hat man schon farbenreicher, origineller, einfach präsenter erlebt. Er hatte alles im Griff, aber es wirkte über weite Strecken nach Routine.

Hatten alle im Kopf, dass dies erst der dritte Abend einer langen Tournee war? Alle zwei Tage geht es jetzt weiter nach Hamburg, Frankfurt, Wien, Paris, London, Essen, Luxemburg, Budapest und Barcelona. Wollten sie sich schonen? Eine kleine gemeinsame Zugabe gab es noch, das war es dann. Man kann es angesichts des hustenintensiven Publikums verstehen. Aber musikalisch sind einige Wünsche offengeblieben.

Andreas Göbel, kulturradio

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