"Cubix"; © Jean-Yves Lacôte
Jean-Yves Lacôte
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Schaubude - "Cubix" – Visuelles Theater ohne Worte

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Die Digitalisierung schreitet voran. Aber was macht sie mit uns? Mit diesem Thema beschäftigt sich die Schaubude Berlin mit dem Festival "Wir sind die Zukunft". Gestern war die Eröffnung mit der Premiere der französischen Kindertheaterprodukion "Cubix".

Das Theater gilt immer noch als analogste Kunst, doch auch auf der Bühne wird mit digitalen Medien gespielt: Regisseure experimentieren mit Publikumsvoten via Smartphone oder mit Anweisungen an die Zuschauer per Kopfhörer – ganz abgesehen von den längst etablierten Videoprojektionen oder Live-Kameras. Im Figuren- und Objekttheater ist die Frage besonders ausschlaggebend, wie sich das Verhältnis zwischen Mensch und Maschine entwickelt. Die Berliner Schaubude zeigt deshalb unter dem Festivaltitel "Wir sind die Zukunft" nun "Künstlerische Positionen zum digitalen Leben".

Digitalisierung inhaltlich gedacht

Die Eröffnungspremiere kam aus Frankreich, von der Gruppe "Théâtre Sans Toit", übersetzt "Theater ohne Dach". Es war gleichzeitig die Deutschlandpremiere von "Cubix", ein Stück ohne Worte für Kinder ab sechs Jahren. Der Spielaufbau ist simpel: Zwei Frauen schütten auf einem langen Tisch eine Kiste mit weißen, identischen Bauklötzen aus – dem einfachsten Spielzeug, das man sich denken kann. Diese Würfel setzen sie aufeinander, bis einer plötzlich orange leuchtet. Dann ein zweiter. Dann leuchten einige blau – aber nur bei einer Spielerin, bei der anderen passiert nichts.

Und so beginnt ein 40-minütiges Spiel mit Würfeln und Projektionen, auf die die Spielerinnen nur reagieren können. Manchmal bewegen sich die Farben von rechts nach links, sodass sie versuchen, die Klötze so zu bewegen, dass das Licht weiter wandern kann. So entsteht buchstäblich ein bewegtes Bild.

Aus zwei beleuchteten Flächen werden zwei Schmetterlingsflügel, die nach oben fliegen, sodass ein Turm gebaut werden muss, um die Projektionen auf den Bauklötzen zu sehen. Später erscheinen die Gesichter der Spielerinnen auf den Würfelflächen. Für beide Gesichter sind nicht genügend Würfel da – stiehlt die eine der anderen einen Quader, fehlt deren Gesicht das Auge oder die Nase. So werden die Würfel zu einzelnen Bild-Pixeln. Schließlich formen die Frauen mit den Würfeln Figuren – einen Hund, ein Pferd, einen Mensch. Sie verwandeln sich in Projektionen und wandern über die Würfelflächen.

Eine Performance bestehend aus Bauklötzen, einem Beamer und zwei Schauspielerinnen – digitale Experimente sehen anders aus. Doch man kann sich mit technischen Prozessen auch befassen, indem man über die Frage der Digitalisierung inhaltlich nachdenkt. So geschehen bei "Cubix".

Theater in der Nussschale

Zwei gegenläufige Dinge passieren hierbei gleichzeitig: Einerseits entsteht ein poetisches Spiel mit Farben und Formen, das die Kinder staunen lässt, sie verzaubert und begeistert. Andererseits möchten die jungen Zuschauer sogleich herausfinden, wie der Zaubertrick funktioniert. Das konstruierte digitale Bild wird demnach sofort wieder dekonstruiert und dechiffriert. Dieses minimalistische Theater, das mit diesen einfachsten Mitteln spielt, nutzt digitale Bilder, die von Menschenhand nicht hergestellt werden können. So entsteht das Zusammenspiel zwischen dem Menschen und den Möglichkeiten der Technologie.

Es wirkt wie ein Theater in der Nussschale – denn es beruft sich auf die Grundfrage, die sich im Theater immer stellt: Soll das Bühnengeschehen verzaubern, Geschichten erzählen, den Zuschauer entführen – oder, wie bei Brecht, aufzeigen, analysieren, entzaubern?

"Oh!" und "Ah!"

Diese Fragen haben sich die Kinder beim Zusehen sicherlich nicht gestellt. Sie reagieren zunächst mit großem "Oh!" und "Ah!" – Sekunden später aber geht das Beratschlagen los: Wie geht das, wo kommt das Licht her, wer macht das? Im Nachgespräch lassen die Spieler und der Regisseur Mathieu Enderlin die meisten Fragen jedoch unbeantwortet und fragen zurück: Wie könnte all das hergestellt worden sein? Die Kinder bekommen es leicht heraus: Über der Bühne hängt ein Beamer und hinter den Zuschauern steht ein Computer, der von einem Mitarbeiter bedient wird.

Der Künstlerische Leiter Tim Sandweg bestätigte den Eindruck nach diesem ersten Gastspiel: Auch im Figurentheater ist man weit davon entfernt, den Menschen zugunsten neuer Technologien abzuschaffen. Man spielt lediglich mit ihnen. Und selbst der Roboter, der in einem anderen Stück in den kommenden Tagen auf der Bühne steht, ist viel mehr eine bewegte Puppe, die von Menschen geführt wird.

Barbara Behrendt, kulturradio

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