"Liberté"; © Román Yñan
Román Yñan
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Volksbühne Berlin - Albert Serra: "Liberté"

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101 Stunden lang ist sein DOCUMENTA-Film "Three Little Pigs". Jetzt ist der katalanische Meisterregisseur Albert Serra mit seiner ersten Theaterarbeit im deutschsprachigen Raum zu erleben.

Es ist die bisher größte und spektakulärste Eigenproduktion der Berliner Volksbühne unter dem neuen, umstrittenen Intendanten Chris Dercon: Der katalanische Filmregisseur Albert Serra hat ein Stück geschrieben und es selbst auf die Bühne gebracht; seine erste Inszenierung in Deutschland – und das Theaterdebüt des 73-jährigen Visconti-Filmstars Helmut Berger. Mit ihm auf der Bühne steht die 79-jährige Grande Dame Ingrid Caven, Sängerin und frühere Fassbinder-Schauspielerin.

Üppige Bühnenausstattung

"Liberté" spielt 1774 im Kreis französischer Freidenker, die in der Einöde vor Potsdam stranden, weil es ihnen im wieder konservativer, klerikaler werdenden Frankreich unter Ludwig XVI. zu eng und zu moralisch geworden ist. Ingrid Caven spielt die Duchesse de Valseley, eine große Vertreterin der Libertinage, also des ausschweifenden Lebens und der sexuellen Befreiung. Sie will im strengen Preußen der Libertinage zum Siegeszug verhelfen und trifft auf einige deutsche Libertins, die ihr dabei helfen sollen.

Auf ihrer Homepage wirbt die Volksbühne mit einem Rokoko-Gemälde von Francois Boucher für den Abend, darauf nähert sich der Kopf eines Schwans bedrohlich nah dem nackten Schoß der sich hingebenden Leda. Da war man gespannt, wie viel barocke Kostümpracht und Wollust auf der Bühne zu sehen sein würde. Auch deshalb, weil Albert Serra berühmt ist für seine opulenten Historienfilme.

Die Bühne ist dementsprechend üppig ausgestattet (das Bühnenbild stammt von Sebastian Vogler, der auch das Set von Serras "Der Tod Ludwig XIV." entworfen hat). Auf einer romantischen, barock anmutenden Hügellandschaft im Stil von Boucher ergießen sich Blumenwiesen, ein kleiner Teich in der Mitte, im Hintergrund ein nebliger Wald. Vorne ist eine Lichtung angelegt, auf der sich bei Nacht die Damen und Herren in ihren Reifröcken, Pluderhosen und weißen Perücken zum Stelldichein treffen.

Zähe Inszenierung

Hier werden nun den kompletten zweieinhalbstündigen Abend über schmuck verzierte Sänften hin und her getragen, in denen die heimlichen Treffen der "Unmoralischen" stattfinden. Was die sexuelle Freizügigkeit angeht, ist das dezent, geradezu prüde gehalten, ein einziges Mal schwimmt eine Frau nackt durch den See, ein andermal bekommt eine junge Dame von ihrem Liebhaber den bloßen Hintern versohlt, ansonsten  bleibt alles reifrockummantelt.

Darüberhinaus passiert in dieser zähen Inszenierung wenig bis nichts. Mit larmoyantem, überhöhtem Tragödienton wird davon schwadroniert, wie man die Äbtissin eines Klosters und ihre hübschen Novizinnen von der Libertinage überzeugen könnte. Noch mehr Sänften werden umständlich herein- und wieder herausgetragen – das sorgt für unfreiwillige Komik, aber auch für immer größere Unruhe im Publikum.

"Liberté"; © Román Yñan
Bild: Román Yñan

Ein Trauerspiel

Noch dazu tragen die Spieler zwar Mikroports, nuscheln jedoch so leise in sich hinein, dass sie, sobald sie sich in den Sänften wiegen oder im hinteren Bühnenteil stehen, kaum zu verstehen sind. Viele Laiendarsteller und Schauspielanfänger aus unterschiedlichen Ländern sind dabei – die französische Schauspielerin etwa spricht mit einem so starken Akzent, dass man auch sie nur mit größter Anstrengung versteht. Man gibt es dann auch bald auf, da der schwüle, durch und durch banale Text kein Stück von der Stelle kommt.

Helmut Berger tut sich mit diesem späten "Theaterdebüt" (wenn man es überhaupt so nennen möchte) keinen Gefallen. Serra lässt ihn den ganzen Abend über als "Duc de Walchen", ein deutscher Libertin, in seiner Sänfte sitzen. Zwei, drei Mal spricht er etwas, akustisch ebenfalls nicht hundertprozentig zu verstehen – man tut gut daran, die englischen Übertitel stets mitzulesen.

Finale: Der Duc entsteigt seiner Sänfte und fällt sofort, an Syphilis gestorben, tot um. Ein Trauerspiel. Etwas besser hat es da Ingrid Caven mit ihrer Rolle getroffen, sie darf zumindest umhergehen, spricht aber auch im hohen Klageton – sodass man nicht immer sicher sein kann, ob das alles nicht vielleicht doch eine Parodie auf das "moralisch befreite" Zeitalter sein möchte.

Erschreckend dürftig

Ein Dramaturg hatte in der "Einführung" fürs Publikum vor der Premiere behauptet, man könne den Abend auch als Kommentar auf die #MeToo-Debatte lesen. Ein Statement gegen alle Tugendwächter also, ein Hoch auf die sexuelle Befreiung? Bei so viel Prüderie und verquasten Worten auf der Bühne? Oder doch eine Mahnung an die Moral – sonst folgt die Syphilis? Irgendwann wird einem auch das gleichgültig.

Ein erschreckend dürftiger (sowohl sprachlich als auch inhaltlich und inszenatorisch), nur kunstangestrengter Abend, der einen beinahe fassungslos darüber zurücklässt, was einem hier als große, internationale Theaterinnovation verkauft werden soll. Das Publikum reagierte unruhig, Zwischenrufe wurden laut, nicht wenige Zuschauer verließen vorzeitig den Saal. Am Ende klang es, als würden sich die Dercon-Befürworter und -Gegner einen Buh- und Bravo-Wettkampf liefern. Den entschieden die Gegner allerdings für sich.

Was bleibt?

Wie kann ein so erfolgreicher, großer Filmregisseur derart scheitern, fragt man sich. Es mag an der gigantischen Bühne, dem riesigen Zuschauerraum liegen, den der Katalene schlicht nicht zu bespielen weiß. In Albert Serras Filmen spielen Nahaufnahmen eine große Rolle, man könnte sich stundenlang in die grandiose Mimik der Spieler vertiefen oder ins detailreiche Szenenbild. Auf der Bühne lässt sich jedoch bekanntlich nichts heranzoomen (es sei denn durch Videokameras, die hier nicht zum Einsatz kommen). Es ist (akustisch) wenig zu verstehen – und, aufgrund der düsteren Lichtstimmung, wenig zu erkennen.

Außer den nebelverhangenen Baumwipfeln und den hübschen, romantischen Blumenwiesen bleibt nichts an diesem Abend, was zu loben wäre.

Barbara Behrendt, kulturradio

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