"Solaris"; © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Deutsches Theater – Box - "Solaris"

Bewertung:

1961 veröffentlichte der polnischen Science-Fiction-Autor Stanisław Lem seinen Zukunftsroman "Solaris". Darin geht es um eine Macht, die in der Lage ist, die verdrängten Gefühle und Gedanken zu materialisieren.

Stanislaw Lems Roman "Solaris" von 1961 ist ein Meilenstein der Science-Fiction-Literatur. Hundert Jahre schon arbeiten sich die Wissenschaftler darin am Planeten Solaris und an seinem intelligenten Plasma-Ozean ab – ohne, dass es ihnen gelungen wäre, mit diesem in Kontakt zu treten. Als der Psychologe Kris Kelvin auf dem fernen Planeten landet, trifft er auf eine verstörte Crew. Der Ozean hat sich endlich geäußert – aber ganz anders als die Forscher es erwartet haben. Das Meisterwerk wurde von Andrei Tarkowski (1972) und Steven Soderbergh (2002) verfilmt, als Oper aufgeführt und oft für die Bühne adaptiert. Für die Box des Deutschen Theaters hat jetzt auch der ungarische Regisseur András Dömötör seine Bühnenfassung des Romans erarbeitet.

"Solaris"; © Arno Declair
Bild: Arno Declair

Im Innern der Raumstation

Dömötör macht dabei das Naheliegende und lässt den Abend im Innern der Raumstation spielen, die über dem Planeten schwebt. Die Bühnenbildnerin Sigi Colpe hat ein silbernes Raumschiff mit kleinen Luken und futuristischen Formen auf die kleine Bühne der Box gequetscht. Es ist so schmal, dass die vier Schauspieler kaum aufrecht darin stehen können – schon beim Zuschauen bekommt man klaustrophobische Zustände. Am hinteren Rand prangt ein großes Bullauge, aus dem man ins schwarze, sternenglitzernde Weltall schaut. Oft werden hier aber auch die Live-Kamerabilder projiziert, die die Schauspieler zwischendurch aufnehmen.

Zudem arbeitet Dömötör, wie schon früher, mit Geräuschen und lässt dadurch vieles Unsichtbare vorstellbar werden. Wenn Kelvin etwa Untersuchungen an komplizierten Gerätschaften vollführt, braucht der Schauspieler Elias Arens nur zum Klicken und Rauschen die Arme zu bewegen – und schon sieht man die Apparaturen vor sich. Einfache Mittel also, die schön mit der Fantasie der Zuschauer spielen.

Kein sagenumwobener Plasma-Ozean

Für ein derartiges Kammerspiel, ganz ohne sagenumwobenen Plasma-Ozean, eignet sich der Stoff nicht schlecht. Schließlich ist Lems Klassiker bei aller Weltall-Wissenschaft zuvorderst eine Mischung aus psychologischer Studie, philosophischer Abhandlung und erkenntnistheoretischem Essay.

In "Solaris" liefert man sich keine Raumschiff-Schlachten à la Star Wars, sondern geht mit dem Autor der Frage nach, ob wir überhaupt mit irgendetwas in Kontakt treten können, das grundlegend anders ist als wir selbst. Schaffen wir den Perspektivwechsel? Im Persönlichen heißt das: Können wir überhaupt jemanden für das lieben, was er ist – oder sehen wir im Gegenüber stets nur uns selbst? Lem war der Meinung, Menschen bräuchten unentwegt "Spiegel" und wüssten mit komplett anderen Welten nichts anzufangen.

Spiegel seiner selbst

Als Kelvin auf der Raumstation eintrifft, merkt er, dass neben den beiden Forschern noch andere Wesen an Bord sind, kann sich das aber nicht erklären – bis er selbst "Besuch" bekommt. Nach dem Aufwachen sitzt seine verstorbene Frau vor ihm, aus Fleisch und Blut. Mehr und mehr merkt er jedoch, dass diese Harey nur aus Erinnerungen besteht, die er an sie hat. Dass der Ozean es also geschafft hat, Kelvins gewichtigste Erinnerungen zu materialisieren. Während ihn das zunächst noch abstößt, beobachtet er über die Zeit, dass er Harey nur auf diese Weise lieben kann: als Spiegel seiner selbst und seiner Erinnerung. Und dass er sie, ob Mensch oder Materie, nicht wieder gehen lassen will.

Für keinen Jux zu schade

András Dömötörs Bühnenfassung enthält viele dieser philosophischen Fragen. Erstaunlich ist nur, wie wenig beim Zusehen davon hängenbleibt. Das mag daran liegen, dass Dömötör und sein Team sich (mal wieder) für keinen Jux zu schade sind.

Zu ihren Erfindungen gehört etwa ein alberner personalisierter Bord-Computer, der ausgerechnet "Mutter" heißt. Elias Arens muss als Kelvin also hysterisch nach seiner "Mutter" rufen, wenn er nicht mehr weiter weiß. Der Forscher Snaut hingegen, der von einem ziemlich üblen "Besucher" heimgesucht wird, schlägt mit einem blutigen Hammer um sich und imitiert Bestienlaute.

Zu banal und redundant

Handwerklich ist das alles optimal inszeniert und, wie immer bei Dömötör, von viel Energie und Spielfreude getragen. Die Figuren aber, die einem an diesem Abend begegnen, gleichen Witzfiguren und Karikaturen von Wissenschaftlern – keinen Menschen. Wem im Kino "Die nackte Kanone" gefallen hat, der hat bei derartigem Slapstick und Pennälerhumor auf der Bühne sicherlich viel zu lachen.

Dabei ist die Frage hoch aktuell, ob der Mensch (Stichwort: Trump, Bad Banks, Flüchtlinge) nur aus Egotripps besteht, aus Selbstspiegelung – oder ob noch so etwas wie Empathie greifen kann. Bei allem Gewitzel verliert Dömötör hier Zentrum und Dringlichkeit, sodass der Abend auf knapp zwei Stunden schlicht zu banal und redundant wird.

Barbara Behrendt, kulturradio

Weitere Rezensionen

HE SHE ME FREE © Schaubühne Berlin
Gianmarco Bresadola

Schaubühne Berlin - "He? She? Me! Free."

Nach "thisisitgirl", einem Stück über zeitgenössischen Feminismus, und "Love Hurts In Tinder Times" über die Liebe in Zeiten der Dating-Apps ist nun ein neues Projekt von Patrick Wengenroth und Ensemble zu sehen. Es ist eine Produktion, die die komplexen Tiefen der Gender-Fluidität auslotet.

Bewertung:
Admiralspalast: Flashdance © Morris Mac Matzen
mmacm.com / digital

Admiralspalast - "Flashdance - Das Musical"

1983, vor 35 Jahren also, hatte der Tanzfilm "Flashdance" seine Kinopremiere. "Flashdance" war einer der Kultfilme der 80er Jahre. Die Geschichte um eine junge Schweißerin, die eigentlich Tänzerin werden will, ist jetzt im Berliner Admiralspalast als Musical zu sehen.

Download (mp3, 4 MB)
Bewertung: