kulturradio-Motiv: Schnecke_Mund; Bild: rbb
Download (mp3, 5 MB)

Ehemaliges Stummfilmkno Delphi - "Granhøj Dans: Love you …. Not forever!"

Bewertung:

Ein neugieriger junger Mann entdeckt die Welt der Liebe durch das Smartphone und lotet dabei aus, wie weit sich körperliche Ausdrucksformen ins Virtuelle übertragen und ausstellen lassen.

Die dänische Tanz-Compagnie Granhøj Dans, die als international meistgebuchte dänische Compagnie gilt, ist gerade zum ersten Mal zu Gast in Berlin und das an einem relativ neuen Spielort, dem Theater im Delphi, im ehemaligen Stummfilmkino Delphi in Berlin-Weißensee. "Love you ... not forever" heißt das neue Stück von Granhøj Dans, ein Tanzstück, in dem reale und virtuelle Welt verschmelzen, in dem ein Smartphone eine entscheidende Rolle spielt.

Virtuelle Welten eines jungen Mannes

Palle Granhøj, 1989 Gründer und seitdem Leiter der Compagnie, hat eine Chat-Spielsituation entworfen: Ein etwas gelangweilter und lebensgieriger junger Mann ist allein in seiner Wohnung, hört Musik und tanzt wie in einem Youtube-Video, wie in einem Popstar-Traum vor sich hin, dann beginnt er mit einer unbekannten Partnerin zu chatten. Sie erteilt ihm Aufträge und wenn er diese erfüllt, zieht sie sich nach und nach aus und schickt Fotos davon – gegen Bezahlung versteht sich. Fünf Euro kostet es ihn jeweils, die Bewegungen von vier Tänzern zu beschreiben, die vor ihm auftauchen, als wären sie von der Chatpartnerin geschickt worden, wenn er Fotos von sich und den Tänzern macht, wenn er ein Video mit ihnen dreht.

Die virtuelle Welt des Chatrooms ragt also in die vermeintliche Realität hinein, in die Bühnen-Lebenswelt des jungen Mannes, der ein Träumer ist, ein Lebenshungriger, aber auch ein Eingesperrter, ein kontaktloser und scheuer junger Mann - als es in einem der Aufträge um Romanzen gehen soll, um Küssen und Geküsstwerden, schreckt er zurück – "Nein, Nein, Nein" ist seine Antwort auf diese Aufgabe. Die im Titel angedeutete Liebe wird nicht einmal ansatzweise erreicht.

Smartphone-Leinwand und Avatare

Für diese Handlung hat Palle Granhøj ein überzeugend einfaches Setting entworfen. Am Rand der Bühne des wunderbar charmant-maroden alten Delphi-Kinosaals steht eine Leinwand in der Form eines großen Smartphones. Wenn eine Nachricht eingeht, ertönt ein Wuschgeräusch, die Texte sind gut lesbar – d. h. wir Zuschauer lesen zuerst die Aufgabe und sehen dann, wie der junge Mann sie erfüllt und wir können entscheiden, wohin wir blicken: auf die Live-Aktion auf der Bühne oder auf die Fotos und Filme auf der Smartphone-Leinwand.

Problematisch an diesem Setting ist jedoch die Funktion der Tänzer, zwei Männer, zwei Frauen. Sie erscheinen real auf der Bühne, sind aber eigentlich nur Avatare, Kunstfiguren, Erfindungen der Chat-Partnerin. Diese Doppelrolle und Doppelfunktion verhindert Ausdrucks-Schärfe und -Tiefe und behindert ihre Bühnen-Präsenz. Der Tanz soll zwar Porträt-Charakter haben, jeder und jede tanzt mit eigenem Stil, bleibt jedoch viel zu beliebig, um die Tänzer als Personen zu markieren – sie sind ausdrucksschwache künstliche Figuren, nur Illustrationen von Menschen.

Dynamisch-explosiver, aber belanglos-untergeordneter Tanz

Palle Granhøjs Tanz ist dynamisch, expressiv und explosiv, er arbeitet mit Wirbel- und Kreisformen, mit rasanten Richtungsänderungen und kantigen Ausstülpungen der Körper in wiederstrebende Richtungen. Granhøj zitiert verschiedene Tanzstile: Klassisch, Zeitgenössisch, Hip Hop, bricht diese Stile und Formen aber auf, setzt Blockaden in die Körper, Störungen, Unterbrechungen – eine Dekonstruktion der Bewegungen, die aber eine für die erzählte Geschichte eigentlich notwendige Identifizierung mit den vier Tänzern zusätzlich erschwert.

Das ist der Versuch, mithilfe des Tanzes eine Geschichte zu erzählen, aber der Tanz bleibt trotz aller vordergründigen Attraktivität belanglos und untergeordnet – die Geschichte des jungen Mannes hätte auch ohne Tanz erzählt werden können, durch den Tanz kommt keine weitere Bedeutungsebene hinzu.

Zu klein gedachte Geschichte und triviale Schlusspointe

Das zentrale Problem dieser Choreographie ist die zu klein gedachte Geschichte. Die dem jungen Mann gestellten Aufgaben sind weder originell noch haben sie eine Entwicklungsdramatik – sie werden zwar etwas intimer, aber er darf sich in dem eng gesetzten Rahmen der Geschichte nicht verändern, bleibt der auf sich selbst bezogene Egomane, der lieber allein mit sich selbst tanzt, der lieber virtuelle Darstellungen von Menschen sieht, der im Kontakt zu Menschen scheitert.

Obendrein ist die Schlusspointe trivial: Um ein Video seiner nach all den erfüllten Aufgaben nun, wie er hofft, nackten Chatpartnerin zu bekommen, muss er zuerst sich selbst nackt filmen und das Video versenden. Das Ganze läuft auf eine simple Erpressungsgeschichte hinaus – er soll zahlen, wenn sein Nackt-Video nicht im internet veröffentlicht werden soll.

Geschickt inszenierte Spielerei – mangelnde Reflexionstiefe

Anzuerkennen ist immerhin der Versuch, die Erscheinungen und Wirkungen unserer heutigen medialen Welt in einem leicht nachvollziehbaren theatralen Setting zu thematisieren – allerdings bleibt Palle Granhøj deutlich unter dem nötigen Reflexionsniveau. Was genau mit unserer Wahrnehmung der Welt und der Menschen geschieht, wenn Kontakte und Beziehungen zunehmend virtuell sind, welche Auswirkungen das auf unsere Fähigkeiten zu Kommunikation und Intimität hat, welche Privatheit noch übrig bleibt, wenn alles öffentlich gepostet, geliked und vertwittert wird – all das kann Granhøj mit dieser kleinen Geschichte und ihrem engen Rahmen nicht aufgreifen.

So bleibt es bei einer zwar geschickt inszenierten, aber doch folgenlosen, nicht in die notwendigen Tiefen einer kritischen Auseinandersetzung vordringenden Spielerei. Die Tänzer sind sympathisch, der Tanzstil ist adrett, das Setting ist behaglich, leicht zugänglich und freundlich, mitunter auch humorvoll – das Ganze bleibt jedoch seicht und flau und vorhersehbar herkömmlich. Die Choreographie greift insgesamt zu kurz und letztlich ins Leere – das, was hier verhandelt wird, ist vielfach beschrieben und diskutiert worden.

Frank Schmid, kulturradio

Weitere Rezensionen