Andreas Ottensamer, Klarinette; © Anatol Kotte/DG
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Kammermusiksaal - Kammerakademie Potsdam mit Andreas Ottensamer

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In dieser Spielzeit ist Andreas Ottensamer, Solo-Klarinettist der Berliner Philharmoniker, Artist in Residence der Kammerakademie Potsdam. Und alle zusammen präsentierten sie Musik ihrer gemeinsamen CD. Ganz nett.

"New Era" hieß dieser Abend. Das bezieht sich auf die Musik der Mannheimer Schule, die nicht nur die Musik in Richtung Klassik entscheidend vorangetrieben hat, sondern auch für die damals noch recht junge Klarinette den Weg geebnet hat als gleichberechtigtes Holzblasinstrument neben Flöte, Oboe und Fagott. Gleichzeitig ist das der Titel einer CD, die Andreas Ottensamer gemeinsam mit der Kammerakademie Potsdam vor einem Jahr herausgebracht hat und von der sie gemeinsam drei Werke spielten.

Johann Stamitz gilt als einer der Begründer der Mannheimer Schule. Er hat auch eines der ersten Klarinettenkonzerte überhaupt geschrieben. Das ist noch ganz dem Übergang vom Spätbarock zu Klassik verhaftet. Das merkt man auch – das Stück ist noch recht formelhaft, ein bisschen steif. Heute kann es nur wenig überzeugen. Andreas Ottensamer spielt sehr freundlich mit angenehmem Ton, aber das ist es dann auch.

Eine Generation später

Carl Stamitz, Sohn von Johann Stamitz, hat sich in Sachen Klarinette noch mehr hervorgetan. Die rokokohafte Steifheit ist verschwunden. In seinen überlieferten insgesamt elf Klarinettenkonzerten gibt es viel mehr Spielerisches, eine größere Brillanz und ein wenig mehr Nähe schon zu dem, was Mozart später mit dieser Besetzung anfangen würde.

Das ist immerhin schon etwas Besonderes, eines dieser Werke im Konzert zu hören. In Klarinettenkreisen sind diese Konzerte immer mehr oder weniger hochgehalten worden, nur in der Öffentlichkeit hat man davon eher wenig mitbekommen.

Unter Wert

Andreas Ottensamer hat das alles sehr lange im Repertoire, vielleicht ein bisschen zu lange? Die technischen Ansprüche können einen Klarinettisten seines Formats nicht schrecken. Da klingt es eher etwas überspielt – ein bisschen verhuscht, undeutlich, unpräzise. Soll das Understatement sein, ein Schämen, dass es leider doch nicht Mozarts Niveau hat?

Man kann Carl Stamitz mit Gewinn aufführen, nur muss es dann viel mehr Tiefe, Schärfe und Präzision haben. Das fliegt so einfach vorbei, unter Wert verkauft. Es ist keine schlechte Musik, aber man muss sie besser präsentieren.

Mozart aus zweiter Hand

Ein beliebtes Rezept hat Franz Danzi verwendet: Man nehme ein bekanntes Thema und schreibe brillante Variationen darauf. Er hat sich Mozarts "Là ci darem la mano" aus dem "Don Giovanni" ausgesucht. Auch das kann einen Andreas Ottenamer technisch nicht schrecken, aber ein wenig herausgefordert musste er sich dann doch fühlen. Auf jeden Fall zelebrierte er das ganz anders, ein anderer Ton, viel präsenter. Hier konnte er zeigen, welch Spitzenklarinettist er ist. Dass man mit einem solchen Repertoire natürlich gestalterisch nicht alles zeigen kann, versteht sich ebenfalls.

Die Kammerakademie Potsdam war da ein verlässlicher Partner. Man spürte, dass das Ensemble das im Repertoire und auch mit Andreas Ottensamer öfter gespielt hat. Das war angenehm im Ton, von Konzertmeisterin Yuki Kasai zuverlässig zusammengehalten. Ottensamer hat die Einsätze gegeben – "Dirigieren" will man seine rudernden Armbewegungen besser nicht nennen, es hat auch von den Musikerinnen und Musikern niemand hingeschaut – aber, positiv gesprochen: Das ist ein eingespieltes Team, da brennt nichts an.

Ein Abend der Vorspeisen

Zwei Sinfonien hat es dann noch gegeben. In einer der vielen Sinfonien von Christian Cannabich, ebenfalls Mannheimer, merkte man, wie sehr das daraufhin angelegt war, das damalige Orchester in seinen ganzen Facetten wirkungsvoll zu präsentieren, und auch die Kammerakademie Potsdam hat das sehr durchsichtig in Szene gesetzt. Eine frühe Mozart-Sinfonie, sehr ambitioniert, mit 15 geschrieben, ist ein gut durchgearbeitetes Werk und ebenfalls mustergültig aufgeführt.

Mehr gibt es dazu dann aber auch nicht zu sagen. Das war wie der ganze Abend irgendwie nicht schlecht und durchaus angenehm zu hören. Aber ein komplettes Konzert mit Musik der Frühklassik hat sich dann doch als keine so gute Idee herausgestellt. Das ist so, als wenn man im Restaurant ausschließlich Vorspeisen serviert bekommt und mit knurrendem Magen herauskommt. Mehr als "ganz nett" war das nicht.

Andreas Göbel, kulturradio

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