"Mitsuko Uchida"; © Decca/ Justin Pumfrey
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Kammermusiksaal - Mitsuko Uchida spielt Schubert

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Die japanische Pianistin Mitsuko Uchida ist in Sachen Mozart und Schubert eine der größten Pianistinnen überhaupt. Jetzt hat sie einen Schubert-Sonaten-Zyklus gestartet und ihre Spitzenposition eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Sie kann Schubert. Sie weiß, wie man mit dieser Musik umgehen muss: Da ist das Bewegliche und Pulsierende, die Melodik ohnehin und vor allem das Verhältnis von scheinbarer Heiterkeit und tiefer Melancholie. Da versteht man, warum Schubert einmal gesagt haben soll, er kenne keine fröhliche Musik.

Während es früher die großen Beethoven-Sonaten-Zyklen waren, kommt Schubert immer mehr in Mode. Bei Beethoven braucht man sieben bis acht Abende, bei Schubert sind es fast immer von 21 Sonaten die elf vollendeten, mitunter plus zwei Sätze "Reliquien"-Sonate. Das passt in vier Abende, ist aber trotzdem eine Herausforderung.

Im vergangenen Jahr hat Daniel Barenboim eine solche Unternehmung gestartet, sehr abgeklärt, aber irgendwie auf halber Strecke stehengeblieben. Und zeitgleich wagte sich die junge chinesische Pianistin Ran Jia an das Unternehmen – technisch gekonnt, aber musikalisch hatte sie zu Schubert rein gar nichts zu sagen. Da ist es mit Mitsuko Uchida anders – sie ist seit Jahrzehnten eine wichtige Schubert-Interpretin.

Kontraste

Mitsuko Uchida hat verstanden, dass Schuberts Musik oft aus Kontrasten besteht und diese Gegensätze nebeneinander stehen und kaum überbrückt werden. Darin, dies in größter Direktheit zu vermitteln, ist sie groß. Gleich zu Beginn in der späten c-Moll-Sonate: Da ist am Anfang alles aufgeregt, fast so, als ob da jemand Beethoven spielt, der dem Schicksal in den Rachen greifen will.

Im langsamen Satz wird es dann ruhig, aber es nichts zum Zurücklehnen, sondern eine Spannung ganz anderer Art. Da wird es nicht einfach leiser, sondern man hat das Gefühl, als ob der Boden unter den Füßen weggezogen wird. Da muss man oft tief durchatmen.

Schuberts Melodien

Melodie ist nicht gleich Melodie, und bei Schubert schon gar nicht. Mitsuko Uchida gibt dem Melodischen im langsamen Satz der c-Moll-Sonate breiten Raum, denkt aber die brutalen Abstürze gleich mit. Auch die fast unerträglichen Pausen, wenn es abbricht, in der falschen Tonart weitergeht, wieder abbricht und man sich aufraffen muss, um weiterzusingen. Auch – im Menuetto – tonlos, ein ewiges Kreisen um sich selbst.

Und es gibt die sonnigen Momente, wo in der kleinen A-Dur-Sonate alles mal blauer Himmel sein könnte – würde nicht gleich wieder die gleiche Melodie im Bass in Moll auftauchen. Das ist bei Mitsuko Uchida so intelligent abgestuft – und trotzdem von einer direkten Emotionalität, dass man oft schlucken muss.

Höllenritt und Überschwang

Virtuosität ist nicht Schuberts Sache, und doch gibt es Sätze, die auch in dieser Hinsicht den ganzen Pianisten fordern. Das Finale der c-Moll-Sonate ist ein Höllenritt, der sich permanent am Rand des Abgrunds bewegt. Mitsuko Uchida nimmt das sehr beherrscht, fast ein bisschen gedeckelt.

Dagegen genehmigt sie sich in der A-Dur-Sonate fast ein wenig viel Überschwang, aber auch hier gibt es eine zweite Ebene. Denn diese Ausgelassenheit ist kaum zu bändigen, und da wird auch schon mal ein Ton verschluckt. Auch in Sachen Fröhlichkeit ist Schubert maßlos, so dass es am Schluss geradezu ausgebremst werden muss. Hier wird deutlich: Alles "Technische" steht bei Schubert ganz im Dienst des Ausdrucks.

Himmlische Längen mit Hustenattacken

Die viel zitierten "himmlischen Längen" bei Schubert treffen hervorragend auf die G-Dur-Sonate zu: eine Dreiviertelstunde, und alles im Wesentlichen idyllisch und kontrastarm. Da kann man sich bei schlecheteren Pianisten schon mal langweilen – nicht so bei Mitsuko Uchida. Es entwickelt aus einer Ruhe, gerät fast von selbst ins Tänzerische; irgendwann scheint die Zeit aufgehoben zu sein.

Und dann auch hier die Katastrophe, ein schwarzes Moll, in das nicht der geringste Sonnenstrahl zu dringen scheint. Mitsuko Uchida nimmt das in einer orchestralen Dichte als vorweggenommener Bruckner. Die Spannung besteht hier darin, dass sie dem Frieden der langgezogenen Strecken nicht traut. Das hätte ein Genuss sein können – wenn nicht Teile des Publikums die leisen Stellen auf geradezu unverschämte Weise zugehustet hätten.

Das war gerade einmal der erste Abend von vier. Und schon hier die Bestätigung: Mitsuko Uchida spielt in Sachen Schubert an der Spitze.

Andreas Göbel, kulturradio

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