Komische Oper Berlin: Blaubart © Iko Freese/drama-berlin.de
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Komische Oper Berlin - Jacques Offenbach: "Blaubart"

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Jacques Offenbachs große Operette Barbe bleue (Blaubart) war in Berlin seit den 60er Jahren ein Dauerhit, dank der Komischen Oper, die das Werk in Walter Felsensteins legendärer Inszenierung über Jahrzehnte hinweg fast 400 mal zeigte. Nun, zum 70. Geburtstag des Hauses gönnt sich das Haus wieder einen Blaubart – diesmal in der Regie von Stefan Herheim.

Der Blaubart ist einer des besten und tiefsten Werke Offenbachs mit ganz großen musikalischen Einfällen. Hier wird der erste Serienmörder-Plot der Weltliteratur parodiert. Gleich zwei davon bringt Offenbach auf die Bühne, einen völlig wahnsinnigen König, der andauernd Hofschranzen hinrichten läßt, und einen erotomanischen adligen Killer, Blaubart, der seine Frauen nach der Hochzeit vergiften läßt. Doch keiner stirbt hier wirklich, am Ende sind alle wieder da. Die Opfer halten Gericht. Diese Kombination aus morbidem Witz und tiefer Humanität macht das Werk bis heute brandaktuell.

Und beliebt! Der Andrang auf die Vorstellungen von Steffen Pionteks felsensteinorientierte Blaubart-Inszenierung in Cottbus zeigt – das Werk ist erwünscht auf den Bühnen, es gibt ein dankbares Publikum, das sich nach ihm sehnt. Dieses Publikum hat die Komische Oper vermutlich enttäuscht. Denn letztendlich ist der Versuch von Regisseur Stefan Herheim und seinem ambitioniertem Team insgesamt gescheitert – obwohl da vieles richtig gemacht wurde.

Offenbachs Werk hat eine Menge sehr zähe Dialoge, die sich auch bei Felsenstein sich mitunter sehr lang hinzogen, und dafür haben sich Herheim und sein musikalischer Bearbeiter Clemens Fink etwas Tolles einfallen lassen und diese langen, aber dramaturgisch wichtigen Passagen mit Musik aus andren Offenbach-Operetten gefüllt, außerdem wurden die eigentlichen Original-Nummern nicht gekürzt, so dass sich hier musikdramatisch eine vollere, abwechslungsreichere und musikalisch dankbarere Version entfaltete als in Felsensteins Inszenierung.

Sehr langer Abend

Wenn man eine so überbordende Partitur wie den Blaubart mit seinen gigantischen Ensembles noch aufpeppt mit Einlagen, wird das schon ein langer Abend, wenn man dann aber auch noch zur facettenreichen Original-Geschichte eine große Rahmenhandlung dazu erfindet, in der Amor und Tod um die Fragen des Lebens und der Ästhetik streiten, geht’s mir wie dem Penner bei O. Henry, den, ausgehungert, plötzlich zu Weihnachten alle mit Kuchen vollstopfen, bis ihm übel wird. Das war einfach zu viel des Guten (das Ganze dauerte dreieinhalb Stunden), zumal die zahlreichen musikalischen Fremdzitate und verbalen Unterbrechungen in der Musik am Ende dann doch genervt haben und auch Offenbachs Drive an entscheidenden Stellen zerschreddert wurde. Hier ist ein radikaler Regiefehler begangen worden – eine Satire zu parodieren ist etwa so sinnvoll wie einen Matjeshering nachzusalzen.

Aus Witz wird Zote

Trotz herrlicher Kostüme von Esther Bialas und pfiffigem Bühnenbild zwischen Felsensteins Märchenwelt, Zweitem Kaiserreich und Moderne von Cristoph Hetzer war auch die grelle, ordinäre Neuübersetzung und die plumpe Sexualisierung des Stücks ein Schlag ins Wasser, und das einzig Komische an diesem Abend war die Tatsache, dass die meisten Zoten kläglich an einem eisigen und totenstillen Berliner Publikum zerschellten. Und das sei dem humorlosen Team herzlich gegönnt. Denn ein witziges Stück in ein zotiges zu übersetzten zeugt von Mangel an Feingefühl.

Die modetrunkende Regie verfiel anscheinend dem Irrglauben, das Pariser Theater von 1866 sei zu prüde gewesen, Sexuelles frei auszusprechen, und nun müsste man das endlich korrigieren, damit auch der letzte Bescheid weiß, was zwischen Frau und Mann so abgeht. Aber das hat sich, fürchte ich, inzwischen auch in Berlin herumgesprochen. Die Lust bei Offenbach (und im Witz generell) liegt in der Anspielung, nicht in der perversen Enthüllung. Als die halbtote Boulotte mit einem leuchtenden Dildo wiederbelebt wurde und Blaubart dem König "auf die Eier ging", neigte ich mich fasziniert aus dem 2. Rang vor, um die 13-Jährigen im Publikum zu entdecken, die das lustig finden könnten. Ich sah keine.

Komische Oper Berlin: Blaubart © Iko Freese/drama-berlin.de
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Solistisch eine runde Sache

Trotz manch streitbarer neuer Note war das jedoch musikalisch ein sehr runder Abend, vor allem dank der Titelpartie, gesungen vom Tenor Wolfgang Albinger-Sperrhacke, der nicht nur ein wunderbar widerlicher Schurke war, sondern stimmlich fulminant zwischen großer Opern-Koloratur und federleichtem Couplet-Ton wechseln konnte. Eine optisches wie akustisches Vergnügen ersten Ranges war die Hamburgerin Sarah Ferede in der weiblichen Hauptrolle der Boulotte, eine kleine Carmen, der es mitunter etwas an Durchschlagskraft in der Stimme mangelte, aber was zu hören war, erschien mit sehr genußreich und gut phrasiert. Überhaupt, solange sie sangen, waren alle Solisten wie etwa Tom Erik Lie als Popolani und Christiane Oertel als Königin absolut souverän, in den Dialogen eher chargierend, aber mag auch an den sauschlechten Texten gelegen haben. Selbst eine Christiane Oertel kann unter diesen Bedingungen Talmi nicht zu Gold machen, nicht mal in einer Märchenoperette.

Glücklicherweise wurde alles prächtig zusammengehalten vom operettenerfahrenen Dirigenten Stefan Soltész am Pult. Er hat, wofür ich sehr dankbar bin, trotz der ungehobelten Texte die Eleganz des Werks dann doch über weite Strecken aus dem Orchestergraben heraus retten können.

Matthias Käther, kulturradio

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