"Hilary Hahn"; © Deutsche Grammophon / Michael Patrick O'Leary
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Konzerthaus - Houston Symphony mit Andrés Orozco-Estradá und Hilary Hahn

Bewertung:

Lange war das Houston Symphony nicht in Europa zu Gast. Jetzt ist es auf Tournee. Das Ergebnis war ernüchternd. Einziger Lichtblick war die Geigerin Hilary Hahn, allerdings leider als Solistin eines problematischen Stückes. Kein guter Abend.

Das Positive zuerst: Die großen Berliner Orchester müssen vor dem Houston Symphony keine Angst haben. Das Orchester ist fast schon klischeehaft amerikanisch auf Hochglanz getrimmt – scharfgeschliffene Geigen und Getöse in den Blechbläsern. So mechanisch, dass man sich nicht wundert, dass das Houston Symphony nicht zu den Big Five gehört.

Als Musikdirktor fungiert dort der Shooting Star, der Kolumbianer Andrés Orozco-Estrada. Vermarkten kann er sich gut. Er feuert das Orchester an, dirigiert alles minutiös vor, achtet vor allem auf die rhythmische Präsenz, und das mit Erfolg: Es knattert los, und wenn es gefühlig wird, versucht er mit Lächeln im Gesicht und wühlend-rudernden Gesten den Schmelz aus dem Orchester zu zaubern. Vieles davon ist Show, und manchmal sind die Grenzen zwischen Ausdruck und Kitsch einigermaßen fließend.

Dvořáks "Mittagshexe"

Antonín Dvořák auf das Programm zu setzen, ist für ein amerikanisches Orchester naheliegend – hat der Komponist doch einen längeren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten absolviert. Seine Sinfonische Dichtung "Die Mittagshexe" gehört zu seinen späten Werken, als er längst wieder in seine tschechische Heimat zurückgekehrt war.

Viel davon vermittelt sich jedoch nicht. Die Schauergeschichte, die dem zugrunde liegt – eine Mutter droht ihrem quengelnden Kind mit der "Mittagshexe", die schließlich erscheint und ihr das Kind entreißt – das alles wird überhaupt nicht nachvollziehbar. Musikalisch entwickelt sich kaum etwas. Strukturen schnurren ab, die Katastrophe verpufft, der Orchesterklang ist einigermaßen laut, aber relativ schmal.

Dvořáks 7. Sinfonie

Noch deutlicher zu spüren, warum das Houston Symphony nicht in der ersten Liga der Orchester mitspielen kann, war in der siebten Sinfonie von Antonín Dvořák. Auch hier gibt Andrés Orozco-Estrada Einsätze über Einsätze, Strukturen werden deutlich, aber es fließt nichts, es stellen sich keine größeren Zusammenhänge ein.

Vor allem die Orchestergruppen sind schlecht gestaffelt. Bisweilen klingt das Werk, als wäre es ein Konzert für Hörner, Trompeten und den Rest des Orchesters. Das ist eine Dauererregung, pathetisch aufgedonnert und komplett überzuckert.

Bernsteins Serenade

Aus der Neuen Welt mitgebracht hat das Houston Symphony Leonard Bernsteins Serenade, angeregt von Platons "Symposion". Dieses Gastmahl mit philosophischen Beiträgen zum Thema "Eros" versucht in fünf Sätzen, die Charaktere der Vortragenden in Musik zu fassen.

Das Ergebnis ist ein Gemisch aus strenger Fugentechnik, Melodik und ein bisschen Jazz. Mit über einer halben Stunde Dauer ist es eindeutig zu lang, hängt ständig durch. Immerhin konnte man nachvollziehen, warum man es wenigstens hierzulande so selten zu hören bekommt.

Der Lichtblick: Hilary Hahn

Immerhin war Hilary Hahn als Violinsolistin dabei. Das Stück konnte sie auch nicht retten, aber sie besitzt einen Geigenton, dem man gerne zuhört. Nicht zu übergewichtig, aber mit Substanz und Farbigkeit. Die schwersten Stellen spielte sie so sauber, von fast körperlicher Schlichtheit, manchmal dermaßen leicht mit wenig Emotion, dass es fast ein wenig zu sehr antibakteriell bestrahlt wirkte.

Aber diesmal hat sie sich richtig reingehängt, Spielerisches, Tänzerisches, Witziges kamen zusammen. Das Stück hat sie sich zu eigen gemacht, auswendig gespielt und ganz durchdrungen. Man hätte sie gerne mit einem dankbareren Werk gehört. Insgesamt ein unbefriedigender Abend. Das Houston Symphony braucht man in Berlin nicht so bald wieder. Hilary Hahn sehr gerne, dann aber bitte mit einem besseren Stück.

Andreas Göbel, kulturradio

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