Komponist Julius Eastman bei der Arbeit; © Donald W. Burkhardt
Donald W. Burkhardt
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Haus der Berliner Festspiele - MaerzMusik – Eröffnung

Bewertung:

Die Eröffnung der MaerzMusik war dieses Mal ganz der letztjährigen Entdeckung, dem Komponisten Julius Eastman, gewidmet.

Wer allerdings mehr als die Programmtitel und Interpreten erfahren wollte, der musste sich im Internet informieren. Die Haltung der MaerzMusik, möglichst selbstreferentiell, hermetisch und uninformativ zu sein, ist kaum verständlich. Bei Eastman sind diese Informationen, von denen über die Werke ganz zu schweigen, besonders wichtig.

Eastman war afroamerikanisch, schwul, Tänzer, Sänger, Pianist, Exzentriker, am Schluss drogen- und alkoholabhängig, starb als Obdachloser. Nur durch Zufall sind seine Werke, die mehr Anweisungen sind, erhalten. Sehr interessant wäre auch zu wissen, wie viel eigentlich in den Noten steht und was improvisiert wird.

So verdienstvoll die Wiederaufführung ist, so bedenklich ist die Überfrachtung von hauptsächlich Minimal Music durch zu viele Werke mit beträchtlicher Länge. Die erste Programmhälfte bot da noch einen konzentrierteren Einblick. Gerne hätte man erfahren, wie Prélude und Hauptteil von "Holy Presence of Joane d'Arc" zusammenhängen.

Die phantastische Sofia Jernberg präsentierte Stimmen von Heiligen und vermutlich den Prozess Johannas, die am Schluss verstummt. "Speak boldly" (jeder der zur MaerzMusik geht, sollte tunlichst Englisch beherrschen!) – "sprich offen heraus", so wurde Johanna aufgefordert, um sie dann mundtot zu machen.

Die eigentliche "Heilige Präsenz" ergab sich dann mit zehn Celli, die allerdings nur einmal eine ganz kurze Einzelstimme entkommen ließen. Die schiefen Töne zeigten allerdings die Gefährdung dieser Heiligkeit. Auffällig, dass der absolute Individualist Eastman so häufig mit fast totalitären Ensembles agiert.

Faszinierend auch beim zweiten Hören (das erste Mal 2017) bleibt "Gay Guerilla", zwischen Drohung, Aktion, Choralgesang und Zartheit changierend. Alle Interpretationen bewegten sich auf allerhöchstem Niveau. Das Stück "Buddha" stellte sich als eine der größten Herausforderungen meiner langen Hörkarriere heraus.

Über die Länge einer Bruckner-Sinfonie wird mit elektronischen Rasseln und Wummern im Bass eine Formel zuerst im Xylophon, dann auch in den weiteren Instrumenten tausendfach wiederholt, wächst in den Raum, frisst sich ins Bewusstsein, das natürlich aufgegeben werden soll. Das wird mir weiter nicht gegeben sein. Vielmehr habe ich gelernt, meine Aggressionen im Zaum zu halten.

Wie im letzten Jahr war dann um 23 Uhr ein Zustand erreicht, der keinen Ton mehr zuließ. So streckte ich vor "Feminine" die Waffen. Auch hier ist allerdings dem Ensemble Apartment House das größte Kompliment zu machen. Sie blieben total locker und freudig!

Clemens Goldberg, kulturradio

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