"Daniel Barenboim"; © Holger Kettner
Holger Kettner
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Philharmonie Berlin - Staatskapelle Berlin | Festtage 2018

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2018 ist Debussy-Jahr zum 100. Todestag des Komponisten – ein Schwerpunkt beim diesjährigen Musikfest Berlin. Daniel Barenboim präsentierte mit der Staatskapelle jetzt zwei – zu Recht – eher selten aufgeführte Werke von Debussy.

Die Fantasie für Klavier und Orchester von Claude Debussy ist ein frühes Werk des Komponisten. Zu Lebzeiten wurde es nie gespielt. Die Uraufführung kam nicht zustande, und bald danach hatte sich Debussy musikalisch so sehr weiterentwickelt, dass er selbst zu seinem frühen Versuch ein gespaltenes Verhältnis hatte.

Man hört dem Werk schon an, wie Debussy später einmal klingen wird – da sind die unendlichen klanglichen Farbschattierungen, verbunden mit hervorragend ausgeloteter Klarheit. Dennoch enthält die Fantasie Schwachstellen – und sie ist undankbar: Der Klavierpart ist technisch durchaus anspruchsvoll, nur verschwindet sehr viel davon hinter dem Orchester.

Unter Wert verkauft

Auch für Martha Argerich ist dieses Werk nichts Alltägliches – zur Sicherheit hat sie sich die Noten hinstellen lassen. Wenn sie spielt, ist das immer ein Erlebnis, und auch diesmal lässt sie es glitzern und funkeln, holt die Tigertatze hervor, um im nächsten Augenblick das musikalische Geschehen pastellfarbenartig abzudimmen. Vieles geht auch bei ihr im Orchesterklang unter. Am Ende schien sie fast ein bisschen überrascht zu sein von dem großen Jubel des Publikums, aber in Berlin liebt man sie offensichtlich ganz besonders. Zu recht.

Dennoch: Wer vielleicht nur ihretwegen die teuren Eintrittspreise bezahlt hat, konnte durchaus etwas enttäuscht gewesen sein. Sonderlich geprobt wirkte die Aufführung ebenfalls nicht. Martha Argerich hat gemacht, was sie wollte, und die Staatskapelle begleitete eher etwas träge und klebrig. Kein Wunder: Das Orcehester ist während der Festtage im Dauereinsatz, da bleibt nicht viel Zeit. Immerhin haben dann Martha Argerich und Daniel Barenboim noch einen kleinen Debussy vierhändig als Zugabe gespielt – ein winziger Vorgeschmack auf ihr gemeinsames Recital zwei Tage später.

Symbolistischer Schwulst

Nach der Pause folgte dann ein ebenso selten aufgeführter Brocken: die Schauspielmusik zu "Le martyre de Saint Sébastien", einem endlosen Versdrama des italienischen Symbolisten Gabriele d'Annunzio über den Heiligen Sebastian, einen Märtyrer, der ikonographisch oft von Pfeilen durchbohrt dargestellt wird. Das ist eine endlose schwülstige Verherrlichung: "Und sternengleich erstrahle / das Blut der Wundenmale" etc.

Musikalisch zeigt sich hier ein merkwürdiger Zwitter: Streckenweise ist es ein archaischer, pseudo-mittelalterlicher Monumental-Kitsch. Dann aber horcht man auf: Dieses Spätwerk von Debussy enthält Strecken von einer atemberaubenden Modernität: Schroffheit, Kargheit, kaum einmal ein harmonisches Zentrum. In seinen besten Stellen weist diese Musik weit in die Zukunft und lässt verstehen, warum sich Teile der französischen Moderne nach 1945 auch an Debussy orientiert haben.

Barenboim lässt es laufen

Wie soll man ein solches Werk einstudieren? Welchen interpretatorischen Ansatz hat Daniel Barenboim dafür gefunden? Kurze Antwort: keinen. Er vertraut ganz auf seine Staatskapelle. Der Beginn ist noch etwas behäbig, aber dann kann man die herausragend gestalteten Melodien in den grandiosen Holzbläsern des Orchesters genießen.

Der Staatsopernchor hat den Löwenanteil des Gesangsparts, und das reicht von intensivster Süße bis zu den Trauer- und Lobpreischören in voller Lautstärke. Wenig Anteil hatten die drei Solistinnen. Daniel Barenboim hat das gemacht, was er gerne am Pult tut – es hat es laufen lassen, und das war hier goldrichtig.

Maria Furtwängler rettet das Stück

Prominent war die Erzählerin besetzt mit der Schauspielerin Maria Furtwängler. Sie hat ihren Part klar und deutlich, sehr scharf, manchmal fast lakonisch gestaltet. Ein gutes Gegengewicht zu dem kaum noch erträglichen süßlichen Text. Dass die Wahl auf sie fiel, ist eine gute Entscheidung. Vor über zehn Jahren gab es das schon einmal mit den Berliner Philharmonikern, und da hatte die französische Schauspielerin Sophie Marceau mit ihrem unerträglichen Singsang alles falsch gemacht.

Maria Furtwänglers Darstellung ist eine Wohltat. Sie setzt die nötigen Akzente, tut aber ansonsten so, als würde sie das alles nichts angehen. Damit hat sie das Stück vor unfreiwilliger Komik bewahrt. Sie rettet den Abend.

Sicher hat dieses Konzert das Verdienst, zwei selten gespielte Werke von Claude Debussy präsentiert zu haben. Allerdings hat der Abend auch gezeigt, warum man beide Stücke so selten hört.

Andreas Göbel, kulturradio

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