Justin Doyle © Gregor Baron
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Kammermusiksaal - RIAS-Kammerchor: "Tenebrae"

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In seinem jüngsten Konzert beschäftigt sich der RIAS Kammerchor, verstärkt durch das Hamburger Ensemble Resonanz, mit Musik zur Passionszeit – wie gewohnt auf Spitzenniveau. Gleichzeitig ist das ein Abend unter dem Motto: Bach schlägt MacMillan.

"Tenebrae" – unter diesem Motto versammelte der RIAS Kammerchor Trauermusiken, zwei davon dezidiert für die Passionszeit gedacht. Gleichzeitig verbinden sich Werke der Alten Musik – Johann Sebastian Bach und der spanische Spätrenaissancekomponist Tomás Luis de Victoria – mit Musik des 20. Jahrhunderts von Hans Werner Henze und James MacMillan.

Diese Verbindung vermittelt sich am überzeugendsten in einem Block, in dem einige der Tenebrae-Responsorien von Tomás Luis de Victoria, also geistliche Musik für die Karwoche, immer abwechselnd mit Sätzen aus der Streicherfantasie von Hans Werner Henze gespielt werden. Die hat nichts mit der Passionszeit zu tun, ist aus einer Filmmusik entstanden, wird aber auch durch einen Trauergestus getragen, wenngleich ganz anders.

Zwei klingen wie eins

Der Chefdirigent des RIAS Kammerchors Justin Doyle spielt das alles ohne Pause, lässt Gesangs- und Instrumentalstücke fast ineinander gleiten. Die klaren, von großer Ruhe und schlichter Trauer getragenen Stücke aus der Renaissance treffen auf eine sehr viel unruhigere und subjektivere Streichermusik. Man konnte für Momente den Eindruck gewinnen, Henze habe de Victorias Musik kommentiert – was definitiv nicht der Fall ist, aber das alles hat sich erhellend ergänzt.

Das konnte sich allerdings auch nur deshalb so überzeugend vermitteln, weil der RIAS Kammerchor und das Ensemble Resonanz so homogen zusammenwirkten. Man hatte das Gefühl, dass ein Staffelstab hin- und hergereicht wurde. Es klang wie ein einziges großes neues Werk.

Emotionaler Bach

Wirklich zusammengespielt, und das sogar parallel, haben beide Ensembles in Johann Sebastian Bachs Motette "Komm, Jesu, komm". Notiert ist das Stück lediglich in den Vokalstimmen, und so wird es auch oft aufgeführt. Die Praxis der damaligen Zeit sieht es aber auch vor, dass zu den Singstimmen Instrumente dazukommen können, die die Stimmen der Sängerinnen und Sänger mitspielen. Justin Doyle hat das sogar noch ins Extrem getrieben, indem er seinen RIAS Kammerchor und das Ensemble Resonanz als ein großes Ensemble auf der Bühne formierte: ein Streicher neben einem Sänger und so fort.

Das Ergebnis war atemberaubend: Man hört das Stück als Vokalwerk. Die Streicher dazwischen lassen die Singstimmen dann nicht nur voluminöser erscheinen, sondern auch intensiver und eindrücklicher. Hier haben die Dissonanzen körperlich wehgetan. Justin Doyle setzte ganz auf Emotion. Er hat mit seinem ganzen Körper dirigiert, ist mal in die Knie gegangen, hat sich fast um sich selbst geschraubt und ansatzweise getanzt, um diesen Schmerzensgestus herauszuholen. Das war nicht nur beeindruckend, sondern hat vor Ohren geführt, wie vertraut der RIAS Kammerchor und sein neuer Chefdirigent inzwischen miteinander geworden sind und auf welch Spitzenniveau sie gemeinsam arbeiten.

Stilmischmasch und Holzhammer

Eine lange Tradition haben Vertonungen der Sieben letzten Worte Jesu Christi am Kreuz. 1993 hat sich James MacMillan in seinen "Seven Last Words from the Cross" damit auseinandergesetzt. Und das wie in vielen seiner Werke in einem plakativen Stilmischmasch. Mal ist es ganz tonal, dann etwas moderner mit Clustern und Glissandi, mal hymnisch ausbrechend, dann wieder ganz karg. Mal klingt es nach Mittelalter, dann eher kitschig, als wäre es von Ludovico Einaudi.

Das ist zugegebenermaßen sehr effektvoll, aber oft ziemlich mit dem Holzhammer gearbeitet und berechnend. Da schreit der Chor – und es folgt eine große Generalpause. Wirkt immer, aber leicht vordergründig ist es auch.

Stroh zu Gold

Die Aufführung dieses Werks war dann allerdings so grandios, dass man akustisch Zeuge wurde, wie hier Stroh zu Gold gesponnen wurde. Der RIAS Kammerchor vor allem hat grandiose Solistinnen und Solisten in seinen Reihen – die Bässe in tiefsten Tiefen markerschütternd, die Soprane mit einer Schärfe in der Höhe, dass Glas zerspringen könnte. Das Ensemble Resonanz spielt seinen Part mit zahllosen zerfaserten Strukturen so klar, dass man auch den kleinsten Ton deutlich hören kann und stellt damit seine Kompetenz in Sachen zeitgenössischer Musik eindrucksvoll unter Beweis.

So konnte man die Oberflächlichkeit dieser Musik vergessen. Dann aber kam als Zugabe noch der Bach-Choral "Komm, o Tod, du Schlafes Bruder" aus der "Kreuzstab"-Kantate. Und das dargeboten in einer solchen Schlichtheit und anrührenden Dichte, zunächst zusammen gesungen und gespielt, dann nur noch gesungen, auch von den Instrumentalisten. Da haben 3 Minuten Bach ausgereicht, um 45 Minuten MacMillan vergessen zu machen.

Andreas Göbel, kulturradio

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