"Die Wahrheit"; © DERDEHMEL/Urbschat
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Schlosspark Theater - "Die Wahrheit"

Bewertung:

Die Wahrheit: Welche Vorteile es hat, sie zu verschweigen und welche Nachteile, sie zu sagen, das veranschaulicht der französische Dramatiker Florian Zeller in seiner Komödie "Die Wahrheit". Folke Braband hat das Stück am Schlosspark Theater inszeniert.

Ein Mann und eine Frau in einem Hotelzimmer, nachmittags, in einer eindeutig zweideutigen Situation. Beide sind verheiratet. Aber nicht miteinander ... .Solch eine Szene – in einem Theaterstück – klingt nach billigem Klamauk. Und mit genauso einer Szene beginnt das Stück "Die Wahrheit".

Doch billiger Klamauk wird ganz und gar nicht geboten. Von der skizzierten Konstellation ausgehend, wird eine bitterböse Geschichte über den Verlust von Moral und Menschlichkeit entwickelt. Zwei Männer, zwei Frauen, zwei Ehepaare, vier Menschen werden vorgestellt, die eines eint: Jede und jeder denkt nur an sich, ist nicht mal mehr in der Lage, sich die Gefühle anderer auch nur vorzustellen, geschweige denn, sich in einen anderen hineinzuversetzen.

Die Komödie wird zur Tragikomödie

Die Klugheit des Textes, der Inszenierung, des Schauspiels packen das Publikum im Handumdrehen. Es handelt sich um eine wirklich gute Komödie. Und wie bei allen guten Komödien erwächst der Witz, der wirklich tief schwarz ist, aus einer Tragödie. Hier wird sehr genau der Zustand der bürgerlichen Welt gespiegelt, in der das Motto "Jeder ist sich selbst der nächste" den Ton angibt.

Da knallen einige gepfefferte Pointen, gibt es auch Slapstick, doch aller Witz entlarvt die Unmenschlichkeit einer Gesellschaft, in der Moral, Miteinander, Menschlichkeit nicht mal mehr als Handelsware hoch in Kurs stehen, nur noch verramscht werden. Das Wort Freundschaft können die Protagonisten kaum buchstabieren, geschweige denn, daß sie zu wahrer Freundschaft fähig wären. Da bleibt einem das Lachen oft im Halse stecken. Gut so.

Glanzleistung der Regiekunst

Regisseur Folke Braband hat temporeich, mit verführerischem Charme, elegant inszeniert – dabei durchweg so, dass das – ich nenn's mal so – geistig Schmuddelige eines egozentrischen Lebensstils entlarvt wird. Die Ausstattung von Tom Presting – sie baut stark auf die Möglichkeiten der Drehbühne – hilft dabei enorm. Alles ist schick. Aber die Abgründe hinter dem äußeren Schein tun sich deutlich auf.

Stilistisch erinnert der Abend sehr stark an einen berüpmten Spielfilm, "Das Appartment" von Billy Wilder. Wie in dem Film von 1960 mit Jack Lemmon und Shirley MacLaine in den Hauptrollen wird auch im Schloßparttheater eine scharfe Satire auf verkommene Gesellschaftsmoral offeriert, immer dicht am Rand der Groteske, aber doch so  gefühlsstark, dass man als Zuschauer wirklich tief getroffen wird. Die Komödie wird dank Brabands Regie zur Tragikomödie.

Wirkungsvoller Nachklang

Die vier Schauspieler Katharine Mehrling, Katharina Abt, Oliver Dupont und Michael von Au leisten Hervorragendes, zeichnen facettenreiche Charakterbilder. Michael von Au verkörpert Michel, die zentrale Figur, durch dessen krasse Selbstverliebtheit das Geschehen um Lüge und Wahrheit in Gang gesetzt wird. Ihm gelingt Verblüffendes: Er zeigt einen durch und durch verabscheuungswürdigen lächerlichen Mann, der sich toll bis zum Geht-nicht-mehr findet, in Wahrheit jedoch ein wirklicher Hampelmann ist. Aber: Der Schauspieler denunziert die Figur nicht. Im Laufe des Geschehens bekommt man mit dem von ihm gespielten Michel sogar Mitleid. Das verwirrt einen im besten Sinn. Denn dadurch bekommt man viel Stoff zum Nachdenken über sich selbst mit nach Hause. Das schenkt diesem Theaterabend einen wirkungsvollen Nachklang.

Peter Claus, kulturradio

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