"Der Entertainer" © dpa/XAMAX
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Theater am Kurfürstendamm - John Osborne: "Der Entertainer"

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Von Niedergang der Music Halls in England erzählt der britische Dramatiker John Osborne in "Der Entertainer". Jetzt ist das Stück mit Peter Lohmeyer in der Hauptrolle im Theater am Kudamm zu sehen.

In drei Jahren würde das Theater am Ku'damm seinen hundertsten Geburtstag feiern. Doch dazu wird es nicht mehr kommen: Im Mai fällt der letzte Vorhang, das Haus wird abgerissen und das Theater muss einem Casino weichen. Die Produktionsgruppe "Santinis Production", die hier in den vergangenen fünf Jahren regelmäßig Inszenierungen gestemmt hat, lädt deshalb zum großen Abriss-Festival. Und welches Stück wäre für die allerletzte Premiere besser geeignet als John Osbornes "Entertainer" – der tragikomische Klassiker über den Untergang des Unterhaltungstheaters?

Traurige Veranstaltung

Der Regisseur Fabian Gerhardt hat für diese "Abschiedsfeier" eine auf die Situation des Ku'damm-Theaters gemünzte Fassung geschrieben, ein Abgesang auf den Berliner Boulevard. Darin erzählt der Entertainer Archie Rice, dass hier nach 97 Jahren ein Theater geschlossen wird, das noch von dem berühmten Architekten Oskar Kaufmann gebaut und von Max Reinhardt geleitet worden ist – ein charakteristischer, historischer, lebendiger Teil Berlins geht unwiederbringlich verloren. Im Prinzip ein sehr guter Einfall, das Stück mit dieser Berliner Geschichte aufzuladen. Nur leider wird der Abend dann nicht deshalb eine traurige Veranstaltung, weil der Abschiedsschmerz so groß wäre, sondern weil in dieser Inszenierung einfach gar nichts zündet.

Reaktionär

Der Theatermann Archie Rice, Sohn der Theaterlegende Billy Rice, hat für die Bühne gelebt, steht jetzt aber vor den Trümmern seines Berufs und seiner Familie. Ein Säufer, notorischer Fremdgänger, abgehalfterter Entertainer, der eben nicht nur den Abgesang auf das Theater anstimmt, sondern die Welt, die Politik, die Menschen nicht mehr versteht. Am Ende soll hinter der harten Schale des Zynikers Archie, hinter seinem Selbsthass und -ekel der weiche Kern des einsamen, depressiven Kerls durchscheinen, dessen Ära längst untergegangen ist. Die Fassung von Fabian Gerhardt (sonst ein intelligenter, formbewusster Regisseur) setzt stark auf rassistische und sexistische Altherrenwitze, damit einem dieser Archie erst einmal richtig unsympathisch wird.

Dessen Sprüche sind allerdings dermaßen geschmack- und niveaulos, dass man keine Verbindung mehr zu Archie findet. Er reißt prollige Sperma- und Blondinen-Witze und schwingt ausländerfeindliche Stammtischparolen – das ist derart reaktionär, dass man sich schwer darüber amüsieren kann. Die meiste Zeit bleibt es totenstill im Zuschauerraum. Kein Entertainer ist hier zu erleben, sondern ein dumpfbackiges Ekelpaket, dessen Selbstmitleid und hausgemachte Probleme einen nichts angehen. Rührung, Mitgefühl für den Niedergang dieses Menschen kann der Fernseh-Star Peter Lohmeyer in dieser Titelrolle an keiner Stelle wecken.

"Der Entertainer" © dpa/XAMAX
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Völlig verheizt

Es ist Lohmeyers Solo-Abend. An seiner Seite stehen Anke Engelke, Werner Rehm, Johanna Griebel und Nicolas Lehni als Archies Familie – in Form von "Hologrammen". Diese neue Technik war zuvor groß angekündigt worden. Die Inszenierungsidee dahinter ist durchaus plausibel: Archie stehen keine realen Menschen bei, sondern lediglich Geister aus seinem früheren Leben. Vielleicht flimmern sie nur wie eine Fernsehserie durch Archies Hinterkopf. Die Umsetzung dieser Technik ist jedoch eine große Enttäuschung.

Zu sehen ist ein Gaze-Vorhang auf der leeren Bühne, darauf werden die voraufgezeichneten Einspieler der Schauspieler gezeigt. Projektionen, die zwar dreidimensionaler wirken als reine Video-Einspielungen, groß ist der Unterschied allerdings nicht. Der Ton ist dumpf, die projizierten Spieler, die mit Lohmeyer sprechen, sind schlecht zu verstehen. Vor allem aber haben diese Projektionen selbstverständlich keine Bühnenpräsenz. Die lustige Anke Engelke, der großartige Werner Rehm werden völlig verheizt.

Trostloser Abschied

Wenn Misha Cvijovic am Klavier sitzt und Peter Lohmeyer singt, ist das nett – aber mehr als einzelne kleine Nummern kommen dabei nicht heraus. Allein, wenn in der letzten Szene Johanna Griebel als Archies Tochter leibhaftig die Bühne betritt, atmet man kurzzeitig auf: endlich eine Anspielpartnerin für Lohmeyer! Ihre Figur bietet Archie die Stirn, setzt sich auseinander, konfrontiert ihn mit der Realität: Seine Frau hat es (zu recht!) nicht länger mit ihm ausgehalten, das Theater wird abgerissen. In diesen Minuten kriegt der Abend und mit ihm auch Archie zumindest den Anflug einer "Seele". Doch diese Schlussszene kann's natürlich nicht retten. Viele Zuschauer haben sie ohnehin nicht mehr erlebt – der Schwund im Publikum war nach der Pause groß. Ein trauriger, trostloser Abschied vom Theater am Ku'damm.

Barbara Behrendt, kulturradio

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