Maxim Gorki Theater: A Walk on the Dark Side © Ute Langkafel
Ute Langkafel
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Maxim Gorki Theater - "A Walk on the Dark Side"

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In ihrem neuen Stück begeben sich Yael Ronen und ihr Ensemble in eine düstere Gefahrenzone, in die Abgründe des eigenen Selbst.

Die Israelin Yael Ronen ist derzeit die wohl bekannteste Theaterregisseurin Berlins, auch deutschlandweit und international ist sie erfolgreich. "Common Ground" heißt eines ihrer Erfolgsstücke, über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. "The Situation" handelt vom Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Nun ist am Maxim Gorki Theater, an dem sie als Hausregisseurin arbeitet, ein neues Stück heraus: "A Walk on the Dark Side". Damit ist letztlich die "dunkle Seite" ins uns selbst gemeint – erst einmal aber wird auf die "dunklen Seiten" des Universums geblickt.

Der Abend eröffnet mit einem typischen Ronen-Beginn: Auf der Bühne steht ein junger Mann, Dimitrij Schaad, hält einen Monolog ins Publikum und wird dabei von seinem Mitspieler unterbrochen – diese angeblich unvorhergesehene Störung ist stets ein Garant für gute Unterhaltung. Schaad spielt einen von seiner Arbeit besessenen, mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Astrophysiker, der uns hoch wissenschaftlich das Universum erklären möchte – von seinem kleinen, pfiffigen Bruder jedoch ermahnt wird, einfacher, publikumsnäher zu sprechen. Wir lernen: Es gibt die dunkle Materie, die alles zusammenhält. Es gibt die schwarze Energie, die alles auseinanderdrängt. Und es gibt schwarze Löcher, die alles auffressen, was in ihre Nähe gelangt.

Diese drei Kräfte stehen sinnbildlich für die drei unterschiedlichen Brüder, deren konfliktgeladene Beziehungsgeschichte hier erzählt wird. Dazu verdichten sich die hell leuchtenden Sterne des schwarzen Universums in einer Videoprojektion und explodieren schließlich im großen Urknall. 

Maxim Gorki Theater: A Walk on the Dark Side © Ute Langkafel
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Ronen hat den Text diesmal nicht anhand der Biografien ihrer Schauspieler entwickelt; es wird keine Authentizität behauptet, sondern eine fiktive Geschichte erzählt. Immanuel, der Astrophysiker, wird von seiner Frau gedrängt, seinen Nobelpreis bei einem Familienwochenende in der Uckermark zu feiern. Dazu taucht der jüngere Bruder Mathias mit einem Überraschungsgast auf: seiner psychisch derangierten Freundin Magda, die gerade erst wegen eines Suizidversuchs ein paar Wochen in der Psychiatrie verbracht hat. Und der große Störenfried, das schwarze Loch, ist plötzlich auch mit von der Partie: der israelische Halbbruder David, der so manches Geheimnis ausplaudert.

In diesem Hotel, das hier nur als Treppengerüst angedeutet wird, zerfetzen sich die Paare in Anlehnung an die großen Zimmerschlachten von Albee bis Reza. Aber auch die Brüder bekriegen sich: Ein Bruder hatte eine verhängnisvolle Affäre mit der Partnerin des anderen, Verrat, blanker Narzissmus, auch Vergeltungswünsche liegen unter dem dünnen Konversationsfirnis. Ein Krimi, der mit düsteren Landstraßen bebildert wird, und bei dem die Grausamkeiten der Figuren immer mal wieder überrascht.

Höhepunkt des Abends ist jedoch eine komische Szene: Der verbissene, sauertöpfische Astrophysiker und sein smarter, glatter Bruder liefern sich ein Tennismatch in Zeitlupe, mit unsichtbaren Bällen. Wie sie Freundlichkeit und Fairness vortäuschen, sich aber bis aufs Blut bekämpfen, jeder Aufschlag ein Tiefschlag in die Weichteile, jeder Schuss ein Treffer in die Magengrube, das ist in aller präzise inszenierten Boshaftigkeit sehr amüsant. Und spricht Bände über den erbitterten Konkurrenzkampf der Brüder.

Dem Publikum hält Ronen hier jedoch nicht den Spiegel vor. Denn die Motive der Figuren bleiben unterbelichtet. Wenn Magda dem Halbbruder David die Narben zeigt, die sie sich beim Schneiden mit Glasscherben und Rasierklingen selbst zugefügt hat, und munter beschreibt, welcher Schnitt bis auf die Knochen ging und welcher nur durchs Fettgewebe, dann ist das letztlich nichts als Effekthascherei mit Gruselfaktor. Man sieht Menschen, die sich oder andere abgründig verletzen – doch Ronen scheint nur auf die bitterbösen Pointen aus zu sein. Über das Innenleben der Figuren erfahren wird so gut wie nichts.

Noch dazu inszeniert sie den Abend als braves, konventionelles Konversationsstück mit Krimi-Elementen. Das lässt sich locker als Popcorn-Theater wegkonsumieren, man schaudert über diese deformierten Leute, lacht über sie – aber in die eigenen dunklen Abgründe führt einen nichts. Da ist man bei Yael Ronen, die nicht ohne Grund die Gruppentherapeutin unter den Theaterregisseuren genannt wird, doch viel Stärkeres, Tiefschürfenderes und Kontroverseres gewohnt.

Barbara Behrendt, kulturradio

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