Schaubühne | Find #18: Ibsen Huis © Jan Versweyveld
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Schaubühne Berlin | FIND #18 - Ibsen Huis

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1964: der erfolgreiche Architekt Cees Kerkman entwirft ein gläsernes Ferienhaus für seine Familie. Hier trifft man sich über 60 Jahre. Es wird geredet, geliebt und gefeiert - und vor den Augen aller wird ein finsteres Familienerbe über Generationen unerkannt fortgetragen.

Der australisch-schweizerische Theaterregisseur Simon Stone hat mit seinen 33 Jahren schon eine Menge vorzuweisen: zwei Einladungen zum Theatertreffen, umjubelte Premieren auf den wichtigen europäischen Theaterfestivals und an den großen Häusern in Wien, Basel, Hamburg und München. Das Publikum liebt ihn, weil er Klassiker von Tschechow, Ibsen und Shakespeare zu spannenden Geschichten von heute umschreibt – Kritiker sagen ihm mitunter zu seichte Unterhaltung für die Netflix-Generation nach. Für "Ibsen Huis" verbindet Stone zusammen mit der Amsterdamer Toneelgroep Motive aus Ibsens Familiendramen zu einem neuen Stück.

Opfer- und Täterrollen

Erzählt wird die Geschichte der Architektenfamilie Kerkman, von den 1960er Jahren bis ins Heute. In dieses tragische Familienepos ist am deutlichsten "Baumeister Solness" verwebt – der große, in die Jahre gekommene Architekt, vor dem plötzlich die junge Frau steht, die er belästigt hat, als sie noch ein Kind war. Eine Konfrontation mit der Vergangenheit.

Doch während Ibsen seinen Baumeister von mehreren Seiten beleuchtet, dessen Ängste offenlegt, entscheidet sich Stone klar für Opfer- und Täterrollen: Sein Architekt ist ein Despot, ein eiskalter Egomane und übler Kinderschänder, der nicht nur die eigene Nichte jahrelang missbraucht, sondern sämtliche Mädchen in seiner Umgebung. Seine Frau, die alles deckelt, ist deutlich Mittäterin. Ihre Tochter Lena wird ebenfalls zur schweigenden Systemerhalterin, woran wiederum ihre Tochter zugrunde geht. Ein Schweigekartell, unter dem die Kinder kaputt getreten werden. Im aidskranken Sohn Sebastian und im misslingenden Versuch der Nichte Caroline, alle Schuld der Familie mit einem Frauenhaus zu tilgen, sind dann die Züge von Ibsens "Gespenster" zu erkennen.

Schaubühne | Find #18: Ibsen Huis © Jan Versweyveld
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Alles Lüge

Stone erzählt das in neuer Sprache, kein Wort stammt von Ibsen. Die Geschichte selbst spielt im Heute, mit klaren Bezügen zur Gegenwart. Nur das Fundament des Ibsen-Hauses stammt also von dessen Namensgeber – die Architektur hat Stone entworfen.

Das Glashaus auf der Bühne erinnert stark an Stones Basler Inszenierung "Drei Schwestern" (2016 zum Theatertreffen eingeladen) und an seine Wiener Produktion "Hotel Strindberg". Um die große Architektenfamilie zusammenzubringen, spielt der vierstündige Abend im Ferienhaus der Kerkmans, in das die drei Generationen immer wieder zurückkehren. Die Schauspieler sprechen über Mikroports hinter den Fensterscheiben hervor. Das Haus ist insofern symbolträchtig, da es für die innovative Kerkman-Architektur steht, die allerdings nicht der Großarchitekt selbst entworfen hat, sondern sein unterdrückter Neffe – alles ist hier auf Lüge gebaut.

Recht flach

Der Transfer in die Gegenwart soll den Zuschauern die alten Motive besonders nahe bringen: Die Menschen sprechen wie wir, sie haben dieselben Probleme wie wir – es ist, als ziehe man sich im Binge-Watching eine ganze Serienstaffel eines aktuellen Familiendramas rein. Viele Zuschauer nahm das sichtlich gefangen, sicher auch wegen der tollen Schauspieler von der Amsterdamer Toneelgrup, die sich hier ganz in den psychologischen Realismus fallen lassen.

Nichtsdestotrotz ist der Abend recht flach geraten. In ihn werden derart viele Dramen, tragische Schicksale, Todesfälle gepresst, dass die Figuren nicht mehr plastisch wirken, sondern vorrangig dem Forttreiben der Handlung dienen. Vielschichtige Menschen werden zu spannungslosen Schwarz-weiß-Schablonen. Wenn Caroline dann eine große Rede auf die Wichtigkeit der Flüchtlingshilfe hält, könnte man meinen, der Plot-Schreiber habe versucht, so viele gesellschaftsrelevante Themen so pädagogisch wertvoll wie möglich einzubauen.

Find #18 Resümee

Doch auch, wenn beim FIND-Festival nicht immer alles komplett aufgeht, ist es ein Glück, diese großen, erfolgreichen Produktionen in Berlin überhaupt sehen zu können. Das FIND ist mittlerweile das einzige Festival der Stadt, das internationales Autorentheater zeigt – und in diesem Jahr hat es mehrere spannende Gastspiele präsentiert.

Große Festivalsternstunde war die Eröffnung mit Angélica Liddell und ihrer monströsen Messe des Anti-Moralischen. Hier stand eine besessene Künstlerin, die der lauwarmen Welt die Gleichgültigkeit austreiben wollte – und sich damit vom gängigen Kunstdiskurs abhebt. Die Schaubühne ließ sich von Liddells Fehlschlag im vergangenen Jahr nicht verschrecken und hat in der aktuellen Ausgabe mit vielen bekannten Gästen gezeigt, dass es durchaus sinnvoll ist, auf einen langfristigen Kultur-Austausch zu setzen, statt ausschließlich die gängigen Festival-Charts abzufeiern.

Barbara Behrendt, kulturradio

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