Schaubühne Berlin | FIND #18 - Don’t forget to die © Lothar Reichel
Lothar Reichel
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Schaubühne Berlin | FIND #18 - Don’t forget to die

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In d"don’t forget to die"  beschäftigen sich die Regisseurin Karen Breece und ihr Ensemble mit den komischen und traurigen Seiten des Lebens und des Sterbens im Alter.

Eigentlich stellt das "Festival Internationale Neue Dramatik" an der Berliner Schaubühne genau das vor: internationale neue Theatertexte. In diesem Jahr ist aber auch eine freie Produktion aus München zu sehen, geschrieben und inszeniert von der US-Amerikanerin Karen Breece, in deutscher Sprache.

"don’t forget to die" heißt der Abend, "Vergiss das Sterben nicht". Fünf Personen zwischen 74 und 94 Jahren denken auf der Bühne über den Tod und das Abschiednehmen nach. Vier von ihnen sind Laien, eine ist Profi: die Ur-Berliner Schauspielerin Ursula Werner.

Schaubühne Berlin | FIND #18 - Don’t forget to die © Lothar Reichel
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"Exist"

Es ist ein klassischer Dokumentartheater-Abend – Menschen erzählen auf der Bühne über sich selbst. Karen Breece hat ein Jahr lang Interviews übers Sterben, den Tod, das Abschiednehmen geführt. Auf der Bühne erzählen jetzt einige der Gesprächspartner sehr persönlich von der Angst vor Schmerzen, den Wünschen für die eigene Beerdigung oder den Hoffnungen, was nach dem Tod kommen könnte.

Breece hat das mehr arrangiert als inszeniert. Auf der kleinen Studio-Bühne steht eine weiße Parkbank, auf der die Damen und der Herr Platz nehmen. Neben ihnen ein Tisch mit Früchten, links ein Klavier, an dem die blinde, 80-jährige Pianistin Livia Hofmann-Buoni zwischendurch musiziert, rechts eine Posaune, darauf spielt der 80jährige Christof Ranke ein paar schöne Jazz-Nummern. Hinter ihnen eine Leinwand, dort laufen Clips, die bei den Protagonisten zuhause gedreht worden sind. Unter der Decke ein Notausgang-Schild, auf dem nicht "Exit" leuchtet, sondern "Exist".

Ein Platz bleibt an diesem Abend allerdings leer: Die 90jährige Uta Maaß hatte einen Herzinfarkt und konnte nicht mit nach Berlin reisen. Ihre Passagen werden nun von den Kolleginnen gelesen oder aus einer früheren Videoaufzeichnung der Produktion eingespielt. Darauf sieht man eine rüstige Dame mit schlohweißem Haar, die berichtet, wie ihr Vater 1944 nach dem misslungenen Hitler-Attentat aufgehängt wurde, weil er zur Widerstandsbewegung gehörte. Und wie sie, damals gerade 16, es sich nie verzeihen konnte, sich nicht von ihm verabschiedet zu haben. Dann erzählt sie von den Kindern, die sie 40 Jahre lang ehrenamtlich in der Onkologie beim Sterben begleitet hat. Kinder sterben anders, sagt sie. Oft seien sie einverstandener mit ihrem Tod als die Erwachsenen, für die das Sterben eines Kindes ein unfassbares Grauen darstellt.

Die Präsenz dieser eindrücklichen Person hätte man selbstverständlich gern auf der Bühne erlebt. Andererseits verdeutlicht gerade das Fehlen von Uta Maaß, was es heißt, wenn das Sterben näher rückt. Wenn ein Platz auf der Parkbank plötzlich leer bleibt.

Ursula Werner stellt als einzige Schauspielerin in der Runde eine Art Spielleiterin dar. Sie führt das nächste Thema ein, erinnert die Kollegen daran, welches Kapitel nun an der Reihe ist. Es hat durchaus Charme, wie offen die Laien mit ihren Textblättern und Karteikärtchen agieren. Werner übernimmt auch solche fremden Textpartien, die für die Protagonisten selbst vermutlich zu belastend sind, um sie immer wieder neu zu erzählen.

Etwa die traumatischen Erlebnisse der agilen 94jährigen Rosemarie Leidenfrost, die im Krieg als Krankenschwester viele blutjunge Soldaten hat sterben sehen. Und die noch heute ehrenamtlich im Pflegeheim Menschen betreut, die deutlich jünger sind als sie selbst. Ansonsten spricht Werner so persönlich über die Vorkehrungen, die sie für ihren Tod getroffen hat, wie alle anderen. Allerdings setzt sie ihr Sprechen und Agieren inszenierter ein – das wirkt im Kreis der Laien beinahe künstlich.

Ein anrührender Abend

Trotz des schwierigen Themas ist der Abend weder schwer noch düster. Dafür sind die Herrschaften allesamt viel zu positiv eingestellt. Mit trockenem Humor werden zwischendurch makabre Sprüche von Bestattungsunternehmen zitiert: "Stirb jetzt, zahl später!" Niemand hier hadert mit seinem Schicksal, zeigt sich verbittert oder einsam. Dass die Härten und Gebrechen des Alters ausgespart werden, wirkt dann doch einseitig. Und die Inszenierung droht, ins allzu Putzige und Betuliche abzudriften, wenn ein Paar zu Swing-Musik im Trippelschritt herzallerliebst über die Bühne tanzt. Es sind eben die Lebensfrohen und Kooperativen, die bei solchen Theaterabenden mitmachen, nicht die Alleingelassenen und Vergessenen.

Doch auch wenn manches weichgespült wirkt, bleibt es ein anrührender Abend, der große Fragen stellt und beeindruckende Menschen porträtiert. Die übrigens alle darauf pochen, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen und die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen. Christof Ranke bekennt, er würde sich freuen, wenn sein Enkel in Zukunft immer dann an ihn denkt, sobald er die Hauptschneide des Bohrers in 55 Grat zur Querschneide stellt – so wie er es von seinem Opa gelernt hat. In Erinnerung bleiben, das ist bei allen der größte Wunsch.

Barbara Behrendt, kulturradio

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