Hans Otto Theater Potsdam | Europa © HL Böhme
HL Böhme
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Hans Otto Theater Potsdam - "Europa"

Bewertung:

Auf Grundlage der großen Tragödien von Euripides und Sophokles unternimmt das Stück eine Reise zu den Wurzeln der europäischen Kultur. Übermut, Selbstbesessenheit und Verblendung haben unheilvolle Folgen.

Ein Theaterstück, das den Titel "Europa" trägt, muss selbstverständlich den großen Draufblick auf unsere Gesellschaft suchen. Das Autorenkollektiv Soeren Voima hat dafür in die Vergangenheit geblickt und versucht, das heutige Europa anhand seines Gründungsmythos zu entschlüsseln. Der Göttervater Zeus soll die schöne Europa geraubt haben, ihr untröstlicher Bruder gründet später die Stadt Theben, in der auch König Ödipus herrscht. Theben wird ständig vom Krieg erschüttert – womöglich, weil die Stadt auf Gewalt gebaut ist?

Am Hans Otto Theater in Potsdam hat der Intendant Tobias Wellemeyer diese recht abenteuerliche Verbindung verschiedener Dramen von Euripides und Sophokles inszeniert. "Ödipus" und "Ödipus auf Kolonos" wird mit "Sieben gegen Theben" und den "Phönizierinnen" verquickt. Das alles noch ergänzt um den Europa-Mythos. 

Hans Otto Theater Potsdam | Europa © HL Böhme
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Wenn es denn so einfach wäre...

Schon im Jahr 2000 wurde Soeren Voimas Stück in Frankfurt uraufgeführt, mittlerweile hat es am Theater längst Konjunktur, mehrere Klassiker zu verbinden und gleich drei, vier, fünf Dramen in einen Abend zu quetschen. Die Intention: Ein größerer Bogen soll gespannt, Zusammenhänge verdeutlicht werden. Oft verkleinern diese bunten Mischungen die Geschichten jedoch und bringen sie auf eine allzu schlichte Analogie zur Gegenwart – so auch hier.

Im Zentrum steht die Ödipus’ Geschichte. Ein kluger Mann, der dachte, er kann Theben mit Vernunft, heute würde man sagen: im Geiste der Aufklärung, regieren. Ihm wird jedoch vom Schicksal vorgeführt, dass die Ratio nur ein Teil unseres Selbst ist. Er hat, ohne es zu wissen, seinen Vater erschlagen und seine Mutter geschwängert, vier Kinder gehen aus dem Inzest hervor.

Voimas Interpretation legt nah, dass Theben an einem Geburtsfehler krankt: Es ist auf dem Raub der Europa und auf Blutvergießen gebaut. Tobias Wellemeyer erklärt dazu im Programmheft, das männliche Prinzip der Gewalt, der Selbstüberhöhung aber auch der Vernunft sei zum Scheitern verurteilt – Hoffnung könne nur im weiblichen Prinzip der Selbstreflexion, der Diplomatie liegen, hier verkörpert durch Ödipus’ Tochter Ismene. Wenn es denn so einfach wäre...

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Grenzwertig

Diese Schwarz-weiß-Zeichnung überträgt Wellemeyer auf die Bühne: Männer sind gewaltbesessene Krieger oder rationale Machtstrategen – Frauen stets um Konzilianz, um Kompromiss bemüht. Die Figuren werden so zu schlichten Thesenträgern, widerstreitende Charaktere sucht man vergeblich. Weil hier kaum ein echter Mensch auf der Bühne steht, wird der Abend schnell fad und didaktisch.

Ismene etwa, die in den antiken Dramen nur am Rande vorkommt, will hier in ihrer zentralen Vermittlerrolle die sich bekriegenden Brüdern versöhnen. Wie milde lächelnd und aufopferungsvoll Franziska Melzer als eine Art Mutter Theresa im Arztkittel über die Bühne eilt, ist in der Schlichtheit des Frauenbilds eher ärgerlich.

Theseus, der Herrscher des weisen, demokratischen Athen, muss selbstredend von einer Frau (Rita Feldmeier) verkörpert werden. Dagegen ist der böse Bruder Polyneikes ein bärtiger Krieger mit Schwert und schwarzem Gewand. Da liegt die Assoziation zum terroristischen Moslem, der den Krieg anzettelt, nicht weit – ebenfalls grenzwertig.

Antike in der Zwangsjacke

Wellemeyer verlegt die Antike überdeutlich und Eins zu Eins ins Heute: Ödipus regiert Theben in Anzug und Krawatte auf einem schwarzledernen Bürostuhl zwischen Beton und Glasfronten. Hinterm Glas blinkt ein großes Computersystem, Ismene haut in die Tasten ihres Laptops. "Silikon Theben" nennt Europas Bruder, der hier als kumpeliger Erzähler auftaucht, die Stadt.

Auf Teufel komm raus wird versucht, mit der Antike das Heute zu illustrieren. Viele Analogien funktionieren allerdings schlecht. Etwa das Thema Religion, Opferbereitschaft, Schicksalsgläubigkeit – es soll hier als Gegenpol zur Rationalität stehen, doch bleibt völlig unklar, warum sich diese Anzugträger an ihren Computern von einem Orakel in Delphi aus der Fassung bringen lassen und plötzlich Stöckchen in goldenen Schalen verbrennen wollen.

Die Antike steckt in der Zwangsjacke, wird zur Knetmasse für die eigenen Anliegen. Warum sie und ihre Geschichten dann überhaupt bemühen? Womöglich blieb die Vorbereitungszeit für Wellemeyer schlicht zu kurz – schließlich ist er als Regisseur nur eingesprungen, weil Christian Weise dem Theater kurz vor knapp eine Absage erteilt hatte.

Barbara Behrendt, kulturradio

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