Hans Otto Theater Potsdam: Heilig Abend © HL Böhme
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Hans Otto Theater Potsdam - "Heilig Abend"

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An "Heilig Abend" verhört der Ermittler Thomas die Philosophieprofessorin Judith. SIe steht in dem Verdacht, einen terroristischen Anschlag geplant zu haben. Ein gehaltvoller Philosophie-Thriller?

Eine Frau, ein Mann, eine Uhr. Zu Beginn des Stückes von dem als Bestseller-Autor bekannten Daniel Kehlmann zeigt die digitale Uhr 22:30 Uhr. Am Ende: 00:00 Uhr. Die Zuschauer wissen: zu dieser Zeit könnte irgendwo in einer deutschen Großstadt von Terroristen eine Bombe gelegt werden. Könnte. Es ist nicht klar, ob der Verdacht zu Recht besteht. Dieser Verdacht basiert auf einem Pamphlet, dass Ermittler im Computer einer Philosophieprofessorin gefunden haben. Sie wird nun, von 22:30 Uhr bis 00:00 Uhr, verhört. Wer der Mann ist, der sie befragt, ist nicht klar. Ein Polizist? Ein Geheimdienstler? Ein Terrorismus-Experte vom Staatsschutz?

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Aufwühlende Fragestellungen

Die Konstellation sorgt für Spannung. Das lässt sich als Psychothriller sehen, als Wort-Duell zweier starker Charaktere. Aber es ist mehr: Das raffiniert gebaute Stück wirft nämlich brisante Grundfragen unserer Gesellschaft auf. Da ist zum einen die, wie durchsichtig die Bürger geworden sind, gläsern. "Wir müssen nirgendwo mehr heimlich Mikrofone installieren, die trägt ja jeder mit seinem Mobiltelefon mit sich rum", heißt es da. Auf einer Ebene also geht es um die Big-Data-Debatte. Auf der anderen darum, ob Gewalt im Kampf für mehr Menschlichkeit ein zu akzeptierendes Mittel sein kann. Der Ermittler lehnt das hundertprozentig ab.

Die Philosophin sieht das anders. Sie glaubt, dass es nötig sein kann, auch Falsches zu tun, um das Richtige zu stützen. Ihre Argumente sind hart und emotionsgeladen, zielen darauf ab, dass der Wohlstand in der so genannten westlichen Welt auf brutaler Unmenschlichkeit gegenüber vielen Nationen beruht. Man kann sich ihren Argumenten nur schwer entziehen, will ihr aber nicht folgen, wenn sie Mordanschläge als Möglichkeit, vielleicht nur theoretisch, doch vehement, als probat betrachtet.

Bravouröses Schauspiel

Die Inszenierung erreicht eine schweißtreibende Intensität. Marianna Linden und Arne Lenk als Judith und Thomas gelingt es mit feinster Körpersprache, geringstem mimischen Aufwand, facettenreichem Sprechen die Zerrissenheit der Charaktere deutlich zu machen und, das Wesentliche, die Zuschauer damit zu zwingen, sich gedanklich an der Diskussion zu beteiligen.

Regisseur und Bühnenbildner Andreas Rehschuh hat die zwei Schauspieler und die Uhr in einen Kasten gesteckt, der den vorderen Teil der Bühne in der Reithalle ausfüllt. Marianna Linden und Arne Lenk agieren hinter einer riesigen Glasscheibe, in einem Schwitzkasten sozusagen. Was für sie die Schwierigkeit birgt, kaum etwas von den Zuschauerreaktionen mitbekommen zu können. Schwerer kann es Schauspielern kaum gemacht werden. Doch sie sind dank ihres Könnens schlichtweg bravourös.

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Kluge Regie

Regisseur Andreas Rehschuh setzt auf die Kraft des Stückes und seiner Protagonisten. Klüger geht’s nicht. Es gibt keinerlei Effekthascherei. Die Spannung heizt er dadurch an, dass er den Dialog sehr musikalisch inszeniert hat. Und wie so oft in der Musik, sind die Pausen das Entscheidende, sagt das Schweigen viel. So muss auch nicht gebrüllt und getrampelt werden. Wie Kehlmann, bauen Rehschuh und sein Team auf die Intelligenz des Publikums. Das bekommt reichlich Stoff zum Nachdenken. Was dafür sorgt, dass der nicht einmal eineinhalb Stunden kurze Abend lange nachwirkt.

Peter Claus, kulturradio

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