Berliner Ensemble - Phantom © Matthias Horn
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Berliner Ensemble - "Phantom"

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Sein neues Stück hat Dieudonné Niangouna für die Schauspieler des Berliner Ensembles geschrieben. Es führt in den Schwarzwald zu einer deutschen Familie, die eines Morgens unerwarteten Besuch bekommt.

Der Autor, Schauspieler und Regisseur Dieudonné Niangouna gehört zur neuen Generation der Theatermacher der Republik Kongo. Er hat sich intensiv mit dem Bürgerkrieg seines Landes und mit dem französischen Kolonialismus befasst. Weil er sich auch regierungskritisch äußert, darf er nicht mehr in seine Heimat reisen und lebt mittlerweile in Paris; seine Inszenierungen sind auf den großen europäischen Festivals zu sehen. Am Berliner Ensemble präsentiert er nun seine erste Arbeit in der Hauptstadt: "Phantom" heißt das Stück, das er für die Schauspieler des Theaters geschrieben hat. Es führt in den Schwarzwald zu einer deutschen Familie, die eines Morgens unerwarteten Besuch bekommt.

Vor der Tür steht eines der "Phantome", die dem Stück den Titel geben. Verkörpert wird es durch einen wirr und abgerissen aussehenden Mann, der meint, diese Familie aus Kamerun zu kennen. 30 Jahre lang hat er in Afrika gelebt und will die drei Geschwister nun mit ihrer Vergangenheit konfrontieren. Die Phantome klettern aus allen Ritzen: der unter mysteriösen Umständen umgekommene Vater wird heraufbeschworen, die tote, stets verleugnete Mutter. Dieudonné Niangouna will in die Tiefen der Psyche hinabsteigen und mithilfe dieser Geister der Wahrheit auf den Grund gehen.

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Erklärtheater à la Brecht

Zentrales Thema des Stücks ist auch diesmal der europäische Kolonialismus. Was jedoch tatsächlich vorgefallen ist in Kamerun, wo die deutsche Familie eine Kakaoplantage besaß, ist schwer zu durchdringen, denn der Plot bleibt verworren. Nicht realitätsscharf und stringent erzählt der kongolesische Autor, im Dunkeln bleibt stets, wer träumt, wer lügt, wer sich richtig oder womöglich falsch erinnert. Mühsam sucht man sich die Einzelteile der Geschichte zusammen: Thomas, der Fremde, enthüllt, dass Martha, die Älteste, nicht die Schwester der beiden Jüngeren ist, sondern als Sklavin unter deren Vater in Kamerun gearbeitet hat. Ein Verbrechen, das Thomas aus Liebe zu ihr beging, half ihr, mit den beiden Kindern in den Schwarzwald zu fliehen, ins Haus ihres ehemaligen Herrn. 

Der ganz andere, für uns ungewohnte Blick Niangounas auf die deutsche Kolonialgeschichte in Afrika, macht seine Arbeit bemerkenswert – und doch steht man ratlos vor diesem Abend, dessen deutsche Schauspieler nicht recht zu Niangounas Sprache passen wollen. Die Figuren agieren als bloße Motivträger, hoch artifiziell, unendlich weit weg vom Zuschauer. Bettina Hoppe bleibt seltsam konturlos als Maria, die brave Gläubige, die wenig zu sagen hat. Ihre Schwester Martha ist bei Josefin Platt wie im biblischen Gleichnis die handfeste, hier sogar herrische Frau. Und Oliver Kraushaar gibt als Bruder Hermann den abgebrühten Kapitalisten, der von der Rampe aus proklamiert. Erklärtheater à la Brecht, psychologische Einfühlung ist unmöglich. Wolfgang Michael steigt als wunderbar verschrobenes Phantom aus den Erinnerungsschächten auf – aber auch er alles andere als eine Identifikationsfigur.

Ein sperriger, unzugänglicher Abend

Von weißen Nashörnern wird fabuliert, das Phantom soll seine Blase auf dem Grund des deutschen Hauses entleeren, um den Ort zu reinigen. Dazu bedeutungsschwangere Wald-im-Nebel-Bilder auf Leinwand und dumpfes Donnergrollen – oft bleibt unklar, ob man es mit großem Pathos oder befremdlichen Humor zu tun hat. Die Bühne selbst besteht aus schlichten Treppenabsätzen und Holzpanelen, die an Drähten in die Luft gezogen werden, während die Spieler darauf sitzen.

Niangouna schwelgt in mythisch-biblischen Rätseln, in einer sich geheimnisvoll verhüllenden Sprache. Doch seinem Ruf als anarchischer, bildstarker Theatermacher wird er bei dieser Auftragsarbeit fürs deutsche Stadttheater nicht gerecht. Ein sperriger, unzugänglicher Abend, emotional bleibt man außen vor.

Barbara Behrendt, kulturradio

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