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Philharmonie Berlin | Kammermusiksaal - Berliner Barock Solisten

Bewertung:

Das Konzert zur Doppel-CD: Die Berliner Barock Solisten haben sich unter Originalklang-Altmeister Reinhard Goebel die Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach erarbeitet. Ein Konzert mit Höhen und Tiefen.

Das ist schon etwas Besonderes: alle sechs Brandenburgischen Konzerte von Johann Sebastian Bach an einem Abend. Vor allem kommt das selten vor, denn der Aufwand ist beträchtlich, hat Bach doch exemplarisch die verrückten Konzertbesetzungen zusammengefasst. Da braucht man hier zwei Blockflöten, dort zwei Gamben, dann wieder eine Querflöte.

Entscheidender ist jedoch der Anspruch: Alle Konzerte halten für die Beteiligten Höchstschwierigkeiten bereit. Besonders hat es Cembalo und Solo-Geige getroffen. Was Liszt und Paganini für das 19. Jahrhundert gefordert haben, hat Bach in entsprechender Schwierigkeit schon für sein 18. Jahrhundert bereitgehalten.

Reinhard Goebel war da

Die Leitung hatte – wie auch auf der CD-Einspielung – Reinhard Goebel, obwohl er nicht angekündigt war, weder auf Plakaten noch im Programmheft. "Aus juristischen Gründen" sei das nicht gegangen, wurde am Beginn des Konzerts gesagt. Was dahinter steckte, blieb im Dunkeln.

Nun hat sich also einer der Experten für die Alte Musik liebevoll um die Berliner Barock Solisten gekümmert, zwar nicht mehr, wie früher, mit der Geige in der Hand, sondern mit Dirigentenstab, aber er hat alle gewohnt intensiv angefeuert. Das war teilweise ein ungewöhnlicher Anblick, wie Reinhard Goebel mit ungelenken Bewegungen alle auf Trab gehalten hat. "Anblick" ist auch das richtige Stichwort: Er dirigierte im Frack, aber mit roter Fliege, roter Bauchbinde und roten Socken.

Avantgardist der Radikalität

Über drei Jahrzehnte ist es her, da hat Reinhard Goebel mit seiner Musica Antiqua Köln eine der bis heute führenden Gesamtaufnahmen der Brandenburgischen Konzerte vorgelegt. Das gilt zu Recht als Meilenstein: nicht nur wegen der bis dahin ungekannt schnellen Tempi – es war vor allem so klar durchleuchtet, unsentimental, zupackend.

Jetzt hat man das Gefühl, dass es noch einen Schritt weitergehen soll. Die Tempi sind teilweise noch einmal verschärft und die Konzerte selbst in ihrer Charakteristik individueller angelegt. Das sechste Konzert mit den tiefen Streichern wirkt fast ruhig, während das erste Konzert brutal verzerrt klingt, in einer Lautstärke, als wenn wenigstens die Bläser durch Megaphone spielen würden. Reinhard Goebel kann es nicht lassen, sich in puncto Radikalität noch einmal an die Spitze stellen zu wollen.

Nils Mönkemeyer; © Irène Zandel
Nils Mönkemeyer; © Irène Zandel | Bild: Sony Classical

Keine Konkurrenz

Wirklich vergleichen lässt sich die aktuelle Aufführung der Berliner Barock Solisten nicht. Schließlich ist es kein reines Originalklangensemble, man spielt zum großen Teil auf modernen Instrumenten. Und man hat nicht nur Spezialisten für Alte Musik in eigenen Reihen. Einige Berliner Philharmoniker sind dabei, aber auch prominente Gäste wie der Bratscher Nils Mönkemeyer.

So gerät das alles etwas uneinheitlich. Was die Berliner Barock Solisten sonst aufzeichnet: historisch informiert, aber aus einer eher gemäßigten Herangehensweise, gerät bisweilen aus dem Ruder, wenn ein Alte-Musik-Radikaler wie Reinhard Goebel die Richtung vorgibt. Da bleibt einiges auf der Strecke. Mitunter gibt es Probleme bei der Intonation, aber auch durch die verschärften Tempi wirkt es verkrampft und gehetzt.

Großartige Solisten

Die Einzelleistungen sind dagegen herausragend, und das fast schon erwartungsgemäß. Der Cembalist Raphael Alpermann, selbst Mitglied in der Akademie für Alte Musik Berlin, muss vor dem virtuosen Solopart im fünften Konzert keine Angst haben. Mit Lässigkeit und Witz stoppt er vor der großen Solokadenz im ersten Satz mit einer rhetorischen Pause, um dann so richtig loszulegen. Während sich der Geiger Roberto González Monjas bisweilen etwas zu sehr in den Vordergrund spielt, begeistert er, wenn er im vierten Konzert, einem verkappten Violinkonzert, richtig gefordert wird, mit blitzsauberen rasanten Zirkuskunststücken.

Das ist teilweise großartig, nur will es mitunter nicht so richtig zusammenkommen. Mal wirkt es übermotiviert – oder ist es Respekt vor der großen Konkurrenz in Sachen Brandenburgische Konzerte? Vielleicht ist es auch der Stress der Tournee, so zu spüren im dritten Konzert, das zunächst etwas unscharf daherkommt und erst im Verlauf des Schluss-Satzes so gestochen scharf klingt, dass einem die Luft weggeblieben ist. Kurz: ein Abend mit Höhen und Tiefen.

Andreas Göbel, kulturradio

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