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Philharmonie Berlin - Dresdner Philharmonie mit Martin Grubinger

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Ein knappes Jahr ist es her, dass die Dresdner Philharmonie mit dem dortigen Kulturpalast ihre neue Heimspielstätte erhalten haben. Beim Berliner Gastspiel präsentiert sich das Orchester in erkennbar guter Verfassung.

Und man kam nicht alleine – Star-Schlagzeuger Martin Grubinger sorgte wie gewohnt bei ihm für ein jubelndes Publikum. Dabei gab es die wirkliche Extase im Publikum erst nach der Zugabe: ein Stück, das – wie Grubinger selbst zutreffend charakterisierte – mehr Sport als Musik ist.

Eine Trommelimprovisation, in der die Sticks balanciert oder hinter dem Rücken gespielt werden. Es gibt eben nichts, das Martin Grubinger technisch nicht beherrscht. Er hat Spaß an solchen Dingen und zeigt das auch. Er will ja einfach nur spielen…

Nette Begleitmusik

Hauptwerk des Abends war aber dann doch "Sieidi", ein Konzert für Schlagzeug und Orchester des finnischen Komponisten Kalevi Aho. Der Titel stammt aus der Sprache der Samen und meint eine Kultstätte in Lappland. Das Stück ist eine Art vierzigminütiger Ritus. Die Idee dahinter ist aber dann mehr eine Reise um die Welt mit Schlaginstrumenten: Die Djembe ist eine Trommel aus Afrika, die Darbuka stammt aus dem arabischen Raum, das Marimbaphon führt nach Mittel- und Südamerika usw. Der Solist wandert von Instrument zu Instrument und wieder zurück.

Das ist zunächst einmal ganz geschickt komponiert: Extrem laute, rhythmische Stellen wechseln mit sphärenartigen Klängen. Neben dem Getrommel des Solisten hat das Orchester minimalistische Floskeln oder Melodiefragmente beizusteuern. Das ist für den Solo-Schlagzeuger ganz dankbar, musikalisch aber dann doch eher dünn: eine nette Begleitmusik, die dahinplätschert, aber unbefriedigt lässt. Schöne Beilagen, aber es fehlt die Hauptspeise.

Faszinierender Solist

Martin Grubinger hat hier gezeigt, dass er nicht nur zirkusreich trommeln kann, sondern insgesamt über ein beeindruckendes Können verfügt. Die teilweise sehr komplexen Rhythmen hat er so verinnerlicht, dass er keine Noten mehr brauchte. Es war auch faszinierend, ihm zuzusehen. Vor einem komplizierten Solo brachte er sich vor dem jeweiligen Instrument in Position, nach Körperspannung auf und explodierte auf die Sekunde genau, einem Hundertmeterläufer vergleichbar. Martin Grubinger zählt zu Recht zu den derzeit besten seines Faches.

Michael Sanderling am Pult seiner Dresdner Philharmonie – 2019 soll der Ex-RSB-Chef Marek Janowski das Chefdirigentenamt von ihm übernehmen – hatte hier nur die Aufgabe, das alles sicher zusammenzuhalten. Aber schon hier präsentierte sich das Orchester in Bestform. Man hat nicht nur selbst hervorragende Schlagzeuger in den eigenen Reihen, sondern präsentierte auch insgesamt einen wunderbar schlanken, sehr ausgewogenen Klang.

Pochendes Herz

Eine Beethoven-Sinfonie auf Tournee kommt nicht selten vor – die Vierte ist es dann aber fast nie. Insofern war diese Wahl überraschend, aber Michael Sanderling verfolgte mit diesem eher stiefmütterlich behandelten Werk einen sehr klugen Ansatz. Beethoven arbeitet hier mit winzigen Zellen, die aus eigentlich ganz banalen Dingen bestehen: einem Rhythmus, einem Dreiklang, einer kurzen Tonfolge – und formt daraus eine ziemlich komplexe Struktur.

Sanderling machte genau das zum Thema seiner Interpretation. Man konnte genau mitverfolgen, welche Instrumente was beisteuern und wie das alles ineinander verzahnt abläuft, eine Art akustischer architektonischer Bauplan. Während im langsamen Satz andere Dirigenten der Melodie mehr Gehör schenken, machte Sanderling den winzigen Begleitrhythmus zur Hauptsache – ein wandernder Puls, der sich wie ein pochendes Herz anhörte. Eine überzeugende Deutung mit vielleicht überraschender Erkenntnis – Beethoven als Komponist von minimal music?

Klangkultur

Das kann man indes nur als Orchester so spielen, wenn man das auch auf Tournee präsentieren kann, also in einem Saal, in dem man nicht so häufig auftritt. Da muss man sich schnell anpassen können, und das ist der Dresdner Philharmonie in Berlin sehr gut gelungen.

Das liegt sicher auch daran, dass das Orchester seit einem Jahr mit dem Dresdner Kulturpalast endlich einen Konzertsaal als Heimstätte hat, der akustisch den Ansprüchen an einen guten Konzertsaal genügt. Das hat offensichtlich auch der Klangkultur des Orchesters viel gebracht. Seit dem letzten Gastauftritt in Berlin hat sich da viel getan.

Andreas Göbel, kulturradio

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