Simon Rattle; © Stephan Rabold
Stephan Rabold
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Philharmonie Berlin - "Parsifal"

Bewertung:

Ein "sicherer" Ausstand für Simon Rattle als Opern-Dirigent bei den Berliner Philharmonikern!

Mit seinen oratorischen Fähigkeiten des Stehens, Kniens und Schreitens ist "Parsifal" das rechte Stück für eine konzertante Aufführung. (Es war in meinem Leben bereits der dritte, konzertante "Parsifal" allein in der Philharmonie!) Auf die Baden-Badener Neuinszenierung von Dieter Dorn kann man – wenn Berichte nicht trügen – getrost verzichten. Und auch Rattle kennt das Stück seit 1997 (wo er es in Amsterdam szenisch dirigierte). Als Ausstands-Umtrunkgefäß andererseits ist der Gral salbungsvoll genug gewählt. Vielleicht mit Vorbedacht.

Freilich dirigiert Rattle nicht salbungsvoll. Eigentlich war er der perfekte Dirigent der Merkel-Ära, denn auch er hat es immer allen Aspekten recht machen wollen. Es fehlt ein Mut zur Meinung. Rattle will zaubern. Er will aber zugleich konzipieren. Er muss zügeln. Aber er möchte doch auch einmal hinschießen wie ein Sturmwind. Das geht aber nicht zugleich. Deswegen wird die Deutung nie radikal. Deswegen bleibt sie auf halbem Wege stecken.

Natürlich spielen die Berliner Philharmoniker herrlich. Aber nicht besser als im Licht einer Deutung, die ihnen von Rattle abverlangt wird. Die Verwandlungsmusik im 1. Akt etwa tanzt beinahe – doch wozu!? Der Rest klingt fast so schwer wie sonst auch. Die Aufführung ist theatralisch klug disponiert (und nur selten zu laut). Wenn die Blumenmädchen aber nach Liebe verlangen, als sei dies der ehrliche Antrieb holder Unschuldsgeschöpfe, dann fragt man sich, ob Rattle denn nicht verstanden hat, dass diese Mädchen als "Venusfalle" gemeint sind. Man hört es nicht. Auch fehlt ein Quantum Himmelsbegeisterung, Transzendenzrausch.

Ereignis des Abends

Beide Hauptrollen sind in Berlin anders besetzt als in Baden-Baden. Nina Stemme – einer der zahlreichen Abstimmungsfehler der Aufführung, denn die Sängerin hat dieselbe Rolle noch vor wenigen Tagen auch bei Daniel Barenboim "nebenan" gesungen! – ist gewiss eine souveräne Kundry. Ganz so, wie man es von der Hochdramatischen unserer Tage wohl erwarten darf. Die hohen Töne schlägt sie an wie nichts. Trotzdem wirkt diese Kundry erkämpft, zu mütterlich im Timbre, und liefert sogar etliche angesäuerte Töne.

Stuart Skelton, gleichfalls neu, singt den Parsifal fabelhaft. Ist sich jedoch körperlich im Wege. Als vermeintliches Riesenbaby schiebt er sich ins Bild. Wenn er singt: "Ich verschmachte", denkt man: Der Junge hat Hunger.

Ereignis des Abends bleibt der überirdisch differenzierende Rundfunkchor, der gleichfalls in Baden-Baden nicht mit dabei war. Er – gemeinsam mit Gerald Finley als Amfortas – ist der wahre Grund, diese Aufführungen zu besuchen. Finley hat genau jenen Schubert-Balsam in der Stimme, an dem seine Figur hörbar nicht genesen kann. Das nenne ich einen epochemachenden Amfortas.

Ein bitteres Fazit

Aus Opern-Perspektive muss man angesichts dieser letzten Rattle-Oper in der Philharmonie resümieren, dass die Berliner Philharmoniker – und ich habe alle konzertanten Produktionen gesehen – unter Rattle zumeist unter ihren Möglichkeiten spielten. Ein bitteres Fazit, und das umso mehr, als Rattle bei seinen Gastspielen an der Staatsoper eigentlich mehr Opern-Glück beschert war ...

Besetzungstechnisch war Rattle nie ganz up to date; anders ist der ach wievielte Gurnemanz von Franz-Josef Selig nicht zu erklären (welcher zivil singt wie ein Majordomus, der auf die Hausordnung pocht). Auch Evgeny Nikitin hat den Klingsor noch unlängst unter Marek Janowski sogar aufgenommen.

Also: ein guter "Parsifal"; alle Rattle-Opernaufführungen waren irgendwie gut. Ist das gut genug? Nein, von den Philharmonikern sind wir mehr gewohnt.

Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio

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